Wieder auf COOP. WALK mit leisem Zögern…

Wie ich endlich alles beisammen habe, im Auto, und Charly andeutet, dass er aufs Mitkommen nicht verzichten wird, fühle ich mein schweren Knochen einzeln durch. Eigentlich will ich nicht. Eigentlich war ich auf Gemütlichkeitskurs. Eigentlich könnte ich es so bequem haben. –
Aber die Objekte sind bereit wie vorher, haben nur noch mehr Beulen bekommen,- genau wie ich.

Wir fahren also wieder die gleich Strecke Richtung Berlin, weil das der Bus von selber macht.
Zum Glück zwingt mich der Hund, seiner Natur zu folgen, also aussteigen, wenn er muss oder Hunger hat oder zuviel Hitze. Es ist der erste wirklich warme Tag seit März.
Am Lehrter See gebe ich mein ganz gewöhnliches Zielbewusstsein auf. Das ganz gewöhnliche Rollen im Strom bekommt Zügel gesetzt, was nicht leicht ist aber neue Folgen zeigt.

Aussteigen geht flüssiger und das kleine Bleiben auch. Ein Scheibchen Lehrter See zum Mitnehmen und aufs Daseinsgefühl legen, dann mit Blick in den Himmel und Nase beim stinkduftenden Weißdorn mir einverleiben. Charly braucht gerade nichts. Er schwimmt und verdrängt ein anderes weibliches Hündchen, das hier um diese Zeit sonst immer allein….

Des Frauchens Voice strömt zuviel Verträglichkeit aus, da gehen wir lieber.
Rund um den See kommt Häusergehege dazu und mein eigenes Klohäuschenbedürfnis ohne Hetze. Als wir alles haben kommen lassen, sind wir rein geistig aus der Blechlawine ausgestiegen . Ich kann den alten Mann, ( nicht älter als ich ) , mit seinem Müllgfreifstock und seinem „ Wer-lässt-hier-was-liegen- „ Blick wahrnehmen. Geradeaus.
Da habe ich mit Charly die eine Hälfte der hundsordinären Kanckwürstchen geteilt.
Die andere Hälfte, sauber verschlossen im umweltfiesen Plastikpack könnte ich dem Mann direkt geben, oder liegenlassen. – Ich teste mich, indem ich ihm genau diese Hälfte direkt gebe, nur noch nicht mit normal offenem Blick, zugegeben. – Er sagt aber danke und findet das genau so selbstverständlich, wie ich es ihm gebe. Schließlich habe ich auch mit Charly geteilt.
Wieder im Auto staune ich, dass ich noch lernfähig bin und ein Teilen gar nicht großkotzig oder tiefstapelbedürftig daherkommen muss und mein fieses Würstchendasein unentschuldbar unschuldig seine Verbrecherwürde wahrt.
Weiter geht’s mit höchstens Hundert. Das ärgert die Lasterfahrer kaum. Sie haben auch die Frühjahrsmüdigkeit…
Bei Magdeburg müsste die Landstraße her, um in Dessau anzukommen, jedenfalls in einer kleinen Stadt bei Dessau. Nichts zu erklären, ich möchte ein Städtchen zum Performen testen, will aber werweißwarum nicht das Handy zu Rate ziehen.
Früher hatte ich doch immer Instinkt.
Ich frage an einer Tanke.
Auf dem Südring Richtung Halberstadt, – sagt der Tankwart,- und dann Richtung Burg nach Dessau. –
Das mache ich, das schaffe ich. Auf dem Ring gleitet man so dahin und dann geht es gearde so weiter, im milden Licht an grünen und gelben Flächen vorbei, immer wieder Grün und Gelb ohne Höhen und Tiefen. Häuser- und menschenlose Farben bringen mich zum Fliegen. Kein Zweifel, dass ich ankommen werde, wo ich ankommen will. Wenn ich das Handy wollte, würde ich aus dem Grün- Gelb abstürzen, soviel ist sicher.
Auch Charly liegt zufrieden in zarter Wärme und Fächelwind und Schlaf. Die Richtung Halberstadt hört gar nicht mehr auf. Das Licht liegt tief. Es blendet so, dass ich die Schilder nicht lesen kann. Sonnenuntergang. Kein Örtchen, in dem man nach Richtug Burg fragen könnte. Da biege ich endlich ab, sehe immerhin eine Häuserreihe im Hintergrund, aber keinen Menschen.
Endlich, ganz hinten im dörflichen Bild eine alte Frau wie ich. Eine magere Gestalt. Sie sieht mich mit großen Augen an und wie ich ihr zu jubele, dass es ja doch noch Menschen auf der Welt gibt, empfängt sie mich freundlich. Ich stehe am Gartenzaun und komme nicht weiter, so schauen mich die Blumen an. Ich wusste noch gar nicht, wie weit wir sind im Jahr, dabei habe ich auch einen Garten. Auf einmal kommt es mir vor, als stünde ich wieder bei meiner Mutter hinterm Haus, wo die Gewürze sich mit dem Mohn und dem Löwenzahn verbinden. Dahinter das Glashaus mit den Tomaten. Und wie stolz sie immer war und liebevoll mit den Pflanzen, so, als wären das auch immer ihre Töchter gewesen. Bis Lidl in die Nähe kam.Lidl, der alles schneller und vor allem billiger konnte. Ich höre noch ihre traurige Stimme, dass sich jetzt ja alles im Garten nicht mehr lohnt.-

Hier bricht mein Gefühlsstrom ab, hier will ich nur noch sehen, dass die Frau mich herein bittet, dass Sie mir helfen will und ich frage auch gleich nach der Nähe, die in einer so kleinen Gebäudeansammlung zwishen den Menschen wohl entsteht. „ Ja, die ist da,“ sagt sie und hat offenbar keinen Hintergedanken dabei. Nähe ist vor allem Hilfe und gut .
Jetzt holt sie einen alten Atlas heraus, setzt sich auf die Treppenstufen im Eingangsbereich und sucht Wittenberg. Wie sie mit dem Finger die Zeilen durchrast, sehe ich wieder meine Großmutter, meine Mutter und mich dasitzen und Zeilen überfliegen. Da gabs ja noch kein Internet. Und da hockt sie nun, die zarte alte Frau mit den übergroßen Augen im verwaschenen grau- rosa Kleid und versucht, mir zu helfen.
Nebenbei erklärt sie, dass sie es gerade so schaffen werden, die Kanalisationsgebühren zu bezahlen, die jedem Anohner entstanden sind. Sie dürfen abbezahlen. Das ist immerhin etwas.
Ich höre, kann aber zu meiner Situation nichts sagen, als dass ich doch erst mal nach Wernigerode will, so nah dran, wie ich bin und da noch etwas aufräumen.
Sie bemerkt meine Klarheit und stimmt mir zu während ich mich von den Blumengruppen verabschiede: Wenn die eine verblüht ist, kommt die andere Sorte. Die Levkojen, die Ranunkeln, die Akelei und die Rose, dann die Sommeraster. Die Vögel sind jetzt vom Tschilpen zum Singen übergegangen. Das heißt, dass es Abend wird. Und am Abend komme ich an in Wernigerode, will aber gar nicht erkennen, dass es genau das Städtchen ist, in dem ich noch im letzten Jahr performt habe mit meinen ewigen Pappen, zuerst von mir und dann von den Schülern übermalt.
Die Botschaft: Kunst ist nicht mehr das bessere, das höher wertige Können des Künstlers, sondern das Mitprägen des Moments im Weltraum, in der Geschichte, in der Gemeinschaft des gegenwärtigen Seins.
Ob ich schon ahne, dass in Wernigerode Maskerade zu holen war , wie in anderen Städten auch und dass die Herren vor allem sich selbst gefeiert haben, wenn sie Dekoration und Zusammenstellung der vietnamesischen Gastgeberin genossen haben? Nebenbei auch das Essen, jaja. – Gedankenflug, der kaum stört, schließlich hatte ich gleich notiert, was in der Richtung bei mir aufgeflogen war.
Jetzt richte ich längst den Buli ein zum Schlafen und mache mich noch einmal durch die Stadt, auf übermüden Füßen. Nur Charly möchte laufen, ich also auch.
Da sehen wir die Läden wieder, die gut auf Fremdenverkahr abzielenden Stadt Atmosphäre- und Genussmittel und Erinnerungsshop- Läden, auch Restaurants und Billigessbuden dabei,- nichts, was fehlt in Wernigerode. Der Leerstand ist nicht eigentlich zu bemerken.
Entlang dieser Läden schlage ich in meiner Werigerode Anwesenheit ein paar Seiten zurück und fühle, der Ex- Vertretungsbürgermeister Andreas Heinrich wird nicht da sein,- so fühle ich es. Und wenn er da sein sollte, wird er nicht öffnen.
Am nächsten Morgen ganz früh ein Mann, knapp zehn Jahre jünger als ich, der mir vom Bürgermeister berichtet, weil er sein Nachbar ist „ Anrufen, „ sagt er , ohne Anruf geht nichts.
Am nächsten Morgen eine Gegenüberstellung per Charly und Zufall mit dem Direktor des Herhart Hauptmann Gymnasiums, der mir auch nichts über den Verbleib der Pappen sagen kann, weil die Kunstlehrerin im Ruhestand ist. Jaja, Verantwortung ist nicht das, was man in den Bürokratien dieser Welt lernt oder zu lernen weitergibt.

Auf dem Rückweg steckt Charly seine Nase in ein Cafe´in dem wir immer gefrühstückt haben. Eins mit vielen einander zuarbeitenden Kräften, eins, das die Kunden im Auge hat und deren Bedürfnisse. Eins mit vielen kunterbunten Menschen hinterm Tresen. Die backen auch ganz ohne Weihnachtszeit Plätzchen, die weggehen wie warme Semmeln. Charly wird genau so wenig vergrault wie ich mit meinem Handy – Aufladebedürfnis. Aber ich vergesse, ein Foto zu machen. Überall, wo ich besonders stark im Bild verschwinde, vergesse ich das Fotografieren. Um das zu schaffen, müsste ich mich wieder aus dem Bild nehmen, was nicht so einfach ist.
Auf dem Rückweg erfahre ich von einer Anfrage nach Unterkunft . Eine Managerin ist in Not, braucht Dach und Betten und Kochstelle und Dusche für eine Männergruppe aus Rumänien, die eine Windenergie Weiterbildung machen will.
Interessiert mich. Natürlich brauchen wir auch das Geld, um alle Rechnungen für Haus und Garten, Kind und Kegel weiter bezahlen zu können.
Aber wir halten wieder am Lehrter See. Wieder darf geruht werden und sogar geschlafen. Wieder nimmt uns niemand die eigene Zeit aus der Tasche. Wieder sind wir Inhaber unserer selbst, Charly genauso wie ich. Wir kommen fast ausgeruht an, was wichtig ist bei den Aufgaben, die auf uns warten.

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