Er guckt, als sähe er nichts. Und genau das trifft auf fast alle Männer zu, – die Bauarbeiter im Straßenschacht, wie auch die beanzugten Vorbeieiler und die Ausgespuckten, die Wegelagerer in Straßencafe´s und auf Bänken und Plätzen: Ebenso die Fahrrad- und Kinderwagenschieber am Abend und die Freundebeschicker, Teil einer unsichtbaren Riesengemeinde, – sie alle gucken , als sähen sie nichts.
Einem schreie ich schräg über die Straße zu: „ Fragen kost nix. „
„ Willichabernich, „ kommt es zurück und weg ist er.
Der zweite Willichabernich sitzt in Orange auf einer Parkbank und als er doch eher aus Versehen den Mund öffnet, sieht man überwiegend Lückenhaftes.
Aber dann ruft er mir zu, ich soll die Objekte doch an die Ampel stellen und weggehen, – mich überraschen lassen davon, wie die Leute damit umgehen. Die Idee ist gut, aber ich bin ja ein ähnlicher Selbstdenker und habe den Hund dabei. Der muss schließlich immer neun Schritte vor und zwölf zurück. Immer das dritte Objekt vor das erste stellen. Wir beschicken an diesem Tag von der Vereinsstraße aus ein kleines Stück Belleallinace bis zur Fruchtallee, dann die Weidenallee, die Margaretenstraße zurück zur Vereinsstraße, ein winziges Karree also. Dazu brauchen wir zehn Stunden.
Wie lange ich irgendwo stehe zum Fragen und Gefragtwerden halte ich nicht fest. Wie es kommt, so kommt es.
Zuerst ist meine Tochter dabei,- ich könnte die Arbeiter an der Baustelle ansprechen, aber ein Passant mit Begleiterin ist schneller, sagt was über die Zeit, die alles verändert, besonders die jetzige. Das sind keine Plattitüden, er hat sich Mühe geben müssen, etwas Eigenes zu sagen, vielleicht, weil ich zuviel rede. Das Erklären empfinde ich aber immer noch nicht als Routine.
Er geht zur See und ist mal wieder da und morgen wieder weg. Ich staune deutlich, kann mir ein Wegsein gegenüber einem dauernd anwesenden Meer nicht richtig vorstellen.
Eine in vollem Unglück watende junge Frau schiebt Fahrrad und übersieht mich gezielt. Sie würde mich wohl bespucken, wenn ich sie anspräche. Das muss nicht sein. Vorbei.

Sonne heute, sogar viel davon, bis 25 Grad heißt es. Es ist Donnerstag der 11. 05.2017 . Nebenbei nehme ich die Kastanienkerzen wahr und bemühe mich, sie hauptsächlich zu sehen. Die Blütezeit ist so schnell vorbei.
Heutige Menschen sind ansprechbar, nur die Alten weniger. Die alten Damen, die da im Straßencafe voll geschminkte Augen werfen,- ich sehe sie , aber sie wollen anderweitig gesehen werden, nicht von mir. Es antwortet Ihnen niemand und meine Frage wollen sie nicht mit einer freundlichen Gegenfrage beantworten. Was sie nicht kennen, das fressen sie nicht und wollen auch nichts wissen. „ Das sieht man, „ rufe ich zurück und wundere mich, wie fröhlich es klingt. Im nächsten Café eine, die „ zum Glück „ krank geschrieben ist. Erzieherein ist sie und übt den Ausstieg. Ihr Gesicht lacht aus fröhlichem Outfit heraus. Mit Pumphose. Ihr Bekannter daneben , Handwerker hält sich raus, zeigt aber ein lachlustiges Gesicht. Standortbestimmungen. Stillhalten, animieren,
aber ich bewege mich letztlich doch weiter:
Die Objekte diesmal: Drei halbhohen Zinkbehälter gepflanzt je vier Pappteller, diesmal rund mit den Aufschriften
„ wählen- geht- nicht, – geht- nicht – wählen, nicht- wählen- geht. Alles in Schwarz auf Gold
und auf der Rückseite in Schwarz auf Grün: help- people- imagine, people- imagine- help, imagine, help, people. Das sind die Beatles Worte von 2012. –
Von den Stühlen vorm Restaurant äugt es skeptisch zu mir her. Ein dunkelhäutiger Mensch, der sich von mir angemacht fühlt. Bevor ich was erklären kann, ist er im Restaurant verschwunden, gehört offensichtlich zum Stuff.
Eine kurze Siesta im spanischen Restaurant. Ich esse das, was die Friseurin von nebenan bestellt. Ein Stück Spargelquiche mit Salat, einen Latte. Wenn ich mich fragen würde, wäre ich müde, unausgeschlafen von der Nacht im Transporter. Die seitliche Tür ging nicht auf und die hinten auch nicht, als ich drin bin. Panik verboten, kein Gedanke an den Hund. Ein Stück Stoff war zwischen die Türschließe geraten und nicht zu sehen, wie was funktioniert, habe die Taschenlampe irgendwo. Ich merke mir einfach nicht, welche Türseite zuerst geschlossen werden muss. Gehirnverlustängste lasse ich nicht zu. Jede Bewegung, die Taschenlampe zu suchen und zu finden würde zuerst Minuten, dann Stunden dauern, zuerst im Kopf, dann in den voraussehbar mühsamen Platzieren der Gelenke wie Gedanken: Alles eingefroren, Schlaf erst mitten in der Nacht.
Aber jetzt ist jetzt, der Tag darauf. Vorm nächsten Laden ein mittelalter Mann, hinterm PC und in Arbeit, nicht ansprechbar. Einer mit Aura und Outfit, einer, der auf sich hält. Den will ich sprechen und als Charly Kontakt aufnimmt, hänge ich mich dran. Sein stacheliger Haarschnitt passt gut zu seinen blau-blauen Augen, seine Gesten, gespannt und glatt, zu smartem Sellbstbegriff und Dasein. Es endet damit, dass wir herausfinden, wir sind städtische Nachbarn und er ist ebenso künstlerisch wie ich, Designer nämlich und ebenso in der Lage, seine Produkte als fahrender Geselle anzubieten. Bessereweltgedanken an alle Mangelleider, er scheint zu meinen, was er sagt, hat aber auch Selbstbestimmungslust.
Seine Psychologin sagt, er ist ein Gefährt mit sausenden Rädern, aber ohne Schassi.
Das sagt sie nicht, das lässt sie ihn herausfinden. Er zieht an seinem Herkommen vorbei und zieht ab, zukunftsbedacht, beschreibt eine Skulptur aus Spielzeugen, die mit seinem Herkommen zu tun hat, seinen Eltern. DiesenSpielzeugturm hat er grau angesprüht und verkauft. Das kann er. Mir kommt der Heimatbegriff wieder, mein eigenes Spielen mit den Kindheitsfluchten aus Erinnerung, die zu Heimatgefühl wird. Und dann mein gelegentlich intensives Gefühl vom Überrantwerden muslimischer Männer, wie sie mehr als die Straße einnehmen und den Abscheu, die Frauenverachtung verkörpern, eine Wahrnehmung, die schneller ist , als mein Korrigieren. Als ich gehe, weiß ich, der mit den blau-blauen Augen wird sich nicht melden, nicht allein, weil er sich selber nicht glaubt, sondern weil er weiß, dass ich sein Schwanken gesehen habe, wie er mein sorgloses Alterüberspielen. Ich bedaure.
Gegenüber, die Griechin vom Luxus Second Hand, die nur verkauft und sich ansonsten um die Lage insgesamt kümmert. Die kenne ich schon und mag sie. Da fängt es endlich an, dass ich Karten mit Wünschen für die Welt beschreiben lasse. Sie könnet ja auch was anderes draufsetzen, aber was ?
Zuviel Freiheit ist genau so mühsam wie zuviel Bindung, sagt sie und malt Herzchen.
Der Hausmeister hat auch eine Pappe beschrieben. Hoffnung, ja Hoffnung, die brauchen wir, sagt er.
Und sie schon lange. Auch von der Liebe hält sie viel. Das tun alle Frauen, sage ich. Seltsam, dass dann nicht mehr davon wird, insgesamt. –
Jetzt kommen die Hundeausführererinnen. Wirklich, es sind fast nur Frauen. Wieder eine Aussteigerin, eine, die trotzdem einen guten Job hat: Berufsschullehrerin. Und trotz seiner Pubertät einen guten Jungen, der eben leider erst vierzehn ist und sie ? Alleinerziehend. Sie will auch kürzer treten, um mehr vom Leben zu merken. Ihre Lebensgeschichte ist erstaunlich normal .
„ Immerhin, „ sagt sie „ haben wir das Wetter.“ Ich gucke erstaunt.
„ Dieses herrliche Wetter meine ich. „
Ja, morgen soll es schon wieder, – „
„ Was wir heute nicht bedenken müssen. „
Ich komme trotzdem kaum zum Genießen, ärgere mich, dass der Wind meine Sprüche durcheinander bringt.

Die nächste Hundeführerin ängstigt sich vor Charly,- oder war es erst die übernächste ?
Ich ziehe das Tempo an und trödele, wie es gerade passt. Hundeführen heißt Launebiegen, eigene Laune vor allem.
Meiner ist zäh, sagt eine, die andere meint, ihrer ist bissig, Vorsicht, die die Dritte verbittet sich jedes Anschnüffeln. Hundecharakteraufzählungen gehen vorbei, sage ich mir. Anfeindungen auch. Eine ganz Junge mit Kinderwagen die vorm Kindergarten wartet, wo es gebrannt haben soll, genau die schreit mich schließlich an, dass ich meinen Charly nicht an ihre Doggendiva lassen soll und sie meine Rente nicht bezahlen will und…. „ Das verstehe ich genau, „ sage ich. „ wenn man keine Arbeit hat. … „
Ich will keine Konfrontation und siehe da, die Luft geht raus mit zischendem Geräusch.
Und dann wieder Menschen ohne Hund. Der eine der von hinten genau hinsieht und von vorne nicht fragen will. Auf keinen Fall. Noch ein Restaurant,- Szene extra. Da sitzen Männer wie die Hähnchen auf der Stange, äugen von weitem, sehen weg, als ich näher komme. Wenn ich jünger wäre, hätte ich schon einen dummen Spruch weg oder zwei.. Oder superschlaue Wörtchen .
Ich provoziere wieder: „ Fragen, was das soll geht bestimmt nicht. „ Ich fixieren einen Mann um die sechzig, u mgekerht war erneugierig, als ich es sozusagen nicht gesehen habe. Jetzt will er nur noch lässig dasitzen und ich nicht nachgeben. „ Also Sie, Sie haben ja viel Zeit… „
„ Klar , Sie ja auch. „
Da sind wir im Gespräch. Ich erkläre zum wievieltausendsten Mal, worum es geht. „ Ja, Sie machen es richtig, die Zeit auf der Zunge schmecken. , tue ich auch, und der da erst. – Er zeigt auf den Blonden, der sich auf zwei Stühlen ausgebreitet hat.
„ Er ist Chirurg und hat das Messer geworfen. „
Der muskulöse blonde Mann nickt,strahlt. „Nie wieder das Messer, nie wieder Pharma- Kram aus meiner Hand. „
Da drängt sich ein Mann auf dem Fahrrad durch, schmeißt Worte und Handschuhe durch die Luft.
„ Unser Boxtrainer. „ Ein Durcheinander von Worten. Aufbruch und Ankommen.
„ Ich habe übrigens auch Schluss gemacht mit dem normalen Leben. „ Mein Gesprächspartner lacht mich offen an.
„ Dann leben Sie alle von Aktien ? ! „
„ Jedenfalls leben wir nicht mehr nach bürgerlicher Vorschrift. „
Ich staune. Ein paar Schritte weiter eine junge Dame mit expansiven Tattoos. Auch sie ist Aussteigerin, unterrichtet Yoga, wird nach jeweiliger Möglichkeit und Einschätzung der Schüler bezahlt. Sie erzählt eine Menge vom australischen Leben und Zurückkommen nach Intuition und über ihren inneren Auftrag, auch Flüchtingen und Entgleisten zu helfen.
Erst seit gestern ist sie da und ich denke darüber nach, wie ich ihr hefen kann. Sie bekommt meine Adresse.
Dann der Rückweg über die Margaretenstraße. Meinen Hund mache ich hier endlich los.
Ein Mann Mitte fünfzig mit Ruksack und unglaublich säbelhaft durchgedrückten Beinen sieht mir von Weitem zu. Als ich ihn anspreche, kommt er näher.
„ Eigentlich muss man Angst vor Ihnene haben. „
„ Man muss nicht. „
„ Sie sehen doch aus wie ein Schäfer. „
Nebenbei will er auch, dass ich mich für eine Seite der Karten entscheide.
„ Der Wind, sagt er, „ der Wind bringt doch alles durcheinander, man kann nichts wirklich lesen. Das ist dumm, was ich zugeben muss.„
Er beredet mich noch eine Weile, bis er erklärt, dass er selbst Schäfergehilfe ist und beim Impfen und Scheren zur Hand geht. Dann expansive Familiengeschichten über seine Mutter, die hat Krebs.
Er beobachtet genau, wie ich mit dem Etickett Vilvakrebs umgehe. „ Zum dritten Mal aufgetaucht und mein Stiefvater kann nicht damit fertig werden. Ich übrigens auch nur schwer. „ Er schnaubt ein „ Nadanntschüss“ hin, während er noch mit Charly spielt. Endlich bin ich für mich. Hier gibt es nur ganz im Anfang eine Apotheke.
Es ist warm, fast drückend. Vor einer Haustür sitzt eine vietnamesisch wirkende Person, die mich freundlich ansieht. „ Was Sie machen finde ich gut, „ sagt sie.
Wir reden eine Weile und sie gibt mir mit, das sie Geistheilerin ist und ebenfalls etwas für Menschen tut. „ Ja, die Zahl drei, die wird derzeit auch von anderen gefeiert. „
Als sie mir ihre Geistheiler- Vokabeln näher zu bringen versucht, höre ich höflich zu. Auf der Nachbartreppe zwei junge Damen. Eine davon ist Musiklehrerin mit straffen Zügen. Ich versuche, Ähnlichkeiten zu finden, kann aber kaum mehr verstehen, dass ich auch einmal eine innerhalb des Systems gewesen bin, war eine, die Leistungsgeige unterrichtet hat, bis ihr klar wurde, dass es Persönlichkeitsinstrument war, das ich gefunden und zu verstrken versucht hat, war außerhalb meiner selbst, ohne es zu merken. –
Die Wünsche für die Welt werden mehr. Charly darf jetzt alleine folgen, es gibt hier kaum Autoverkehr , wir haben bereits mehr als sechs Stunden „ Walking act „ hinter uns.
Treuer Charly, er ist so alt wie ich, zeigt aber kaum Ermüdung.
Am Ende der Margaretenstraße ein Kind, etwa drei Jahre, das unter Büschen spielt. Den Vater entdecke ich auch, sehe genau hin, merke einen Teil Abwesenheit und frage ihn unverblümt nach seiner Situation.
„ Von allem etwas, „ höre ich heraus. Er ist Architekt, hat seinen Kompromiss mit der Behörde gemacht. „ Ein Sprung über den Schatten, „ sagt er und sieht weiter blass drein. „ Für die Familie „ tröpfelt es hinterher. „ Ich möchte trösten. Meine Tochter als Architektin in einem Großrumbüro hat es auch nicht besser gehabt, sondern so schlecht, dass sie ausgebrochen ist. Mit Recht.
Seine Frau kommt mit dem Fahrrad zurück und ignoriert die unbekannte alte Frau erst einmal deutlich. Ich stelle mich knapp vor und bin weiter, gebe dem jungen Mann aber noch meinen Kontakt. Weiter, weiter.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, jemals anzukommen. Andererseits ist es gerade die Langsamkeit, dieses unanständige Schneckentempo, das ein Sehen und Zurücksehen möglich macht.

Die Vereinsstraße scheint unendlich. Vor einem lieben kleinen Lokal eine Gruppe Frühlingsgenießer. Die spreche ich an ohne wirkliche Überzeugung, finde mich mit einem Schlag selbst überholt und anstrengend, wenn auch gleichzeitig richtig.
Ich erzähle von denen, die sich als Aussteiger präsentieren, vorne, auf der Geschäftsstraße, frage die, die am interessiertesten hinhört, nicht den älteren Herrn, nicht die ältere Frau, merke erst viel später, dass da eine Familie den Frühling feiert. Die eine ist Osteopathin, die andere erst einmal gar nichts, sagt sie, hat den Fuß gebrochen. Als ich endlich richtig hinhöre, ist Aufbruchszeit. Sollte ich nicht bemerkt haben, dass ich störe ? Nein, sehe ich, ich habe animiert, irgendein famiiärer toter Punkt scheint überwunden. Meine alles überlagernde Phantasie auch. Weiter auf der Vereinsstraße und dann in Richtung U- bahn, zu meinem Auto. Ich muss das Hundefutter holen. Vor der Fußballkneipe auf der Bellealliance drei angeheiterte Männer. Einer zieht mich direkt ins Gespräch, provoziertundfragtundprovoziertundfragt so lange, bis ich das Spiel umdrehe. Er verlegt Pipelines und findet das gut. Nix umzudrehen sagt er schließlich und will wissen, was mein Mann zu dem sagt, ws ich mache. Da sermonele ich wieder, aber nicht zuviel, merke allmählich meine Unlust, weiter zu gehen. Eine Frau bittet um Hundekacktüte, die ich auch finde. Hier gibt es keine umsonst von der Stadt , aber gekaufte von Budnikowski, aber der hat bereits zu.

Irgendwie schaffen wir es zurück, der Hund wird gefüttert und wir bringen uns zu meiner Tochter sogar ohne Ampel über die Fruchtallee, bei halbwegs klarem Kopf.
Am nächsten Tag: In den Seilen hängen bei drückender Luft. Nichts tun. Das haben wir verdient.
Am übernächsten: Dokumentationsversuch bei schleifendem Gang und durchhängenden Knien.
Ein Hamburger Luxussiedler beschwert sich über meinen schlecht geparkten Bus und ich gebe Einsicht vor. „ Oma übt Diplomatie. „ Mein Enkel pubertiert, – oder ich,- anders herum, werde vielleicht noch erwachsen.

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