Der nächste Tag ist wieder verhangen , Ich möchte weg und notieren, aber gleichzeitig bleiben. Die Füße schmerzen nach wie vor , das Hirn treibt an. Wagen in die Werkstatt, Nichte besuchen, Künstlerplatz abklappern. Immer wieder die sich überstürzenden Wünsche, Zwänge, Folterungen von zu schnellem Denken, zu langsamem Handeln.
Wer schenkt mir eine mildere und eindeutigere Spanne zwischen Entwerfen und Tun ?
Da sitze ich wieder im Arema und gönne mir einen langsamen Milchcafe´. Auf einmal sind zwei Befrager da, ein Mann und ein Frau. Beide gucken um die Wette verschämt. Ich bin Opfer. Ob sie dürfen ? Erst will ich wissen, für wen sie fragen. Nein, keine Firma, es geht um einen Ideenpool, Thema Nachbarschaftshilfe. Und warum winden die beiden sich so ? Ob sie vom Arbeitsamt kommen ? Von einer Trainingsgruppe ? Ich hätte direkt fragen sollen, – erzähle aber gleich von meiner Arbeit, die ja um ein Zusammenführen von Kräften geht.
Staunen, nicht Verstehen, doch Verstehen und wieder Nachfragen. Auf die Weise entdecke ich das Verstehen meiner eigenen Wege ebenso die Aufgabe zu  Veränderungen ,Zwickmühlen, neuen Einstellungen.
„ Und wann sind sie am produktivsten ? „
„ Wenn ich es nichts plane. Aber ich führe genau Buch. Ich notiere im nachinein und bleibe dadurch weitmaschig an der Grundfrage, bemerke Notwendigkeiten zur Veränderung und gebe nach. Der Einschub, also der Eingriff der beiden saß für mich gerade richtig.
Und wieder Disziplin. Diesmal ist Charly gern dabei, weil der Regen oben bleibt, – zumindest jetzt.-

Heute das Brandenburger Tor. Langeweile schon von weitem. Die Massen sind noch nicht da, aber plötzlich Ausschüttungen davon. Brave Menschlein in Reihen, meist zu zweit nebeneinander und hintereinander her. Sobald sie Netze bilden, die Sendungslosen, und Müdigkeit ablagern, bin ich da. Das kenne ich schon, springe ein, wenn die Maschen nicht sofort zugezogen werden beim Umeinanderscharen und schleudere Schlamm zum Neugierigwerden. Der bleibt zum Teil hängen, zum Teil tropft er ab, nimmt Blicke mit. Wenn die Blicke erst da sind von einem, von zweien werfe ich die Angel. Das sind die Pappen, die Worte, das Hinhalten zum Körper, damit derjenige zufasst, hat sie schon, die erste Pappe, dann der nächste. Die Zumutung kostet mich Überwindung, ich finde mein Tun auch zu wuchtig, sogar gewaltsam. Es verschafft mir Hitze.
Die Lücken in der Ansprache kommen wie immer mit.
Ich  kann die Entwicklung meines Arbeitsstranges, eines Weltverhaus im Minimalistischen nicht mit ein paar Worten sekundenschnell begreiflich machen. Auch diesmal nicht.
Sechs bis acht Mädchen in der Gruppe. Ich erkenne die Lehrerin nicht, seziere grundsätzliches Lerndasein mit ein paar Worten. Eins der Mädchen scheint gefesselt, die anderen lassen Blicke schleifen, es sind Französinnen in der Austauschgruppe dabei.
Schließlich sind die Holden, die Braven, die Rebellinnen vielleicht auch auf meine Provokationen neugierig geworden.
„ Wir machen das als Projekt,“ sagt die Lehrerin, der ich eher aus Versehen ein Kompliment überreicht habe. Alle stellen sich an zum COOP.WALK, verstehen sogar schnell und nehmen die grünen Hoffnungspappen als Geschenke von mir. „ Geschenke mit Folgen, „ rufe ich noch hinterher. „ Ihr könnt Ged daraus machen, wenn ihr euch kümmert. Ob sie es verstanden haben, dass Adressen Mitnehmen nichts Gefährliches sein muss ? Zuviel Botschaft ist letztlich keine. Aber was, wenn die Menschen sich an erster Stelle zu verstecken versuchen ?
Darüber hatte ich gesprochen, dass nicht wir, sondern die Sklaventreiber sich fürchten müssen, dieses Rütteln an den Gitterstäben immer wieder von vorne. Man kann gar nicht eindringlich genug drüber reden.
Dann eine Jungengruppe und noch eine. Die sind auf Fotostoff scharf. Ich lege die Worte aus.
WIR SCHAFFEN DAS
Wer das gesagt haben soll, wissen sie nicht. Ist schon zu lange her. Die so genannten politischen Vorgänge sind Steinschläge nebeneinander her, ohne Folgen. Weder für die Politiker noch für die Bürger. Heute Abend gilt das Wort vom Morgen längst nicht mehr.
Und dann tragen die jungen Männer die Pappen doch vorm Bundestag her. Wenigstens haben sie was zum Präsentieren, was wollen sie mehr. Lockere Bürschchen mit Pappen vorm Gesicht im Schweinsgalopp. Wie selbstverständlich halten sie die Pappen vors Gesicht, und diesmal ganz ohne meine Anregung, dass sie das tun können, falls sie sich schämen oder Nachteile fürchten. Mir zieht sich der Magen zusammen.
Die nächste Jungentruppe ist schon da, hat wohl zugesehen und benimmt sich nicht anders. Dann ein neuer Mädchenhaufen, gemischt mit Jungen. Die wollen und wollen nicht, der Lehrer spricht von Zeitmangel, wie gewohnt, fürchtet aber meine Rede, hat wohl schon gesehen,wie ich einen anderen Lehrer mit den Worten verschreckt habe, dass es für eine Grundhaltung zur Lernlust wohl auf etwas anderes ankommt, als sich mit Wikipedia Kram auszustopfen. –
Auch jetzt behalte ich das Grundgefühl der Aktion im Bewusstsein. Das heißt, ein Gesamtverständnis springt mir bei, ohne dass ich es gerufen hätte:
In diese Stumpfheit hinein kann man kaum Anregung gießen.
Charly springt auf dem Rasen einem Ball mit Hund hinterher, aber die Hundeballbesitzerin will Ball und eigenes Hündchen ganz für sich, was wir einfach mal hinnehmen. Weiter hinten eine Gruppe Filmer und Einflüsterer samt seltsam heiliger Atmosphäre. Nach einer Weile erkenne ich : es ist Michel Friedmann, der da interviewt wird und öfter mal sein Kopfschütteln und die ersten Anschlussworte nach den Fragen wiederholen muss.
Keine dummen Sätze, die der Mensch von sich gibt, aber warum denn so aalglatt, so gegeelt, warum denn so affig ? Endlich frage ich halblaut heraus und die Promoterin fühlt sich angesprochen. Ja, sagt sie, man könnte das denken.
Michel Friedmann wird bei und mit der deutschen Welle ein Promi Befragungsformat neu einsetzen. Das würde ich nie freiwillig ansehen, und wenn der Mann tausendmal Jude ist, dem man eigentlich zuhören müsste, was ich mir aber zu sagen verkneife. Unmöglich, mein eigens Tun vorzustellen, zur Weitergabe, zur schnelleren Multiplikation, hier ist heilige Handlung. Ich trolle mich. Knapp vorm Reichstag wieder neue Wagenausschüttungen und diesmal gewaltige. Riesige Schlangen wälzen sich. Da will ich es wissen.
„ Was machen Sie denn da , „ frage ich und schiebe mich clownesk an den Schlangen entlang.
Gibt es da eine Debatte anzuhören ? „
„ Nein, aber, – „
„ Was, – dann gehen Sie da rein, um sich blaue Stühle anzusehen ? „
„ Blaue Stühle und ein leeres Haus, das beschreibt die derzeitige politische Lage haargenau: Sitzsärge in leerem Regierungshaus. „
Ich sehe, dass viele gucken, weil es sonst nichts zu gucken gibt und merke, dass nicht viele verstehen, also dasselbe nochmal in Englisch.
Jetzt sieht man viele peinlich berührte Gesichter.
„ Ja, tun Sie das. Das ist Kunst. Ein leeres Haus wie ein Grab, das auch leer bleibt, wenn Leute drin sind, weil die Leute, die derzeit das Sagen haben, ihre innere Leere ausdrücken. Oder Verzweiflung.
Ja, sehen Sie sich das blanke Nichts richtig an und finden Sie es sehenswert. Sonst haben wir Ihnen hier nichts zu bieten. „
Schade, dass ich nicht so schnell fotografieren kann. Ich funktioniere, wie gesagt, zu schlecht für wirkliche Zufälle dieser Art.
So viel Beschämtheit habe ich lange nicht mehr auf der Stelle warten sehen.
Aber da sind zwei kleine Mädchen in der Schlange, zwei Mädchen zwischen vier und sieben Jahren, die auf meine goldenen Pappen in der Hand zeigen und da nehme ich meine Stimme meine Haltung zurück.
„ Da sind drei Wünsche drauf geschrieben, „ sage ich „ Auf jede Pappe einer. Das ist wie im Märchen, sage ich.Wenn man sich etwas sehr wünscht und man ist reif dafür ,- und ich sage euch, irgendwann ist man immer reif dafür, dann geht das auch in Erfüllung. „
Da nimmt der Papa sein Portemaonnaie zur Hand und will mir Geld geben.
„ Aber, kommt es leise aus mir heraus, aber ja, Geld brauche ich wohl auch, nur hier und dafür nehme ich es nicht. Haben Sie vielen Dank. Der Papa bedankt sich bei mir. Wohl vor allem dafür, dass ich aufgehört habe, zu sagen, dass man hier im Bundestag ein Steingrab vorfinden wird.
Ich sehe in seine dankbaren Augen und weiß es jetzt ganz bestimmt.
Ich werde in Zukunft anitzyklisch vorgehen, also eine geistige Gegenbewegung betreiben. Bis jetzt musste man, musste ich vielleicht mit dem Hammer den Menschenstein, diese taube Masse bearbeiten, aber von jetzt an, nachdem ich diese viele Angst gesehen habe, werde ich über die Verzweiflung oder was auch immer kommen und vor allem Hoffnung anstecken. Hoffnung an erster Stelle. Und das, so gut ich kann !

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