Claudia Roths Stimme, so einschneidend durchdringend, dass du denkst, es ist nicht nur ihre Stimme, – sie sticht dir auch mit ihren Augen deine eigenen aus. Aber sie ist nirgends zu sehen. Als die Stimme immer noch Menschen ans Kreuz nagelt, möchtest du nur noch laufen. Es sind auch nicht viele Jugendliche zur Gegendemo vor Ort. Dafür Schnee jede Menge. Ich will nachsehen, warum hier niemand reagiert und koordiniert und sehe, – die Prominenz sitzt im Auto, von der Menge abgewandt und liest den Text ab. Einen Text, den sie wahrscheinlich nicht einmal selbst geschrieben hat , übertrieben engagiert, wie gewohnt, ins Leere hinein. Organisatoren und Beschützer drum herum, mit mildem Blick. Frau Roth steigt sogar aus und stellt sich. „ Dass sie überhaupt da ist, „ sagt einer. „ Die anderen Politiker fehlen. „ Hier wird gewusst, worum es geht . Vom Wahlkampf spricht niemand.
Für mich hat alles ganz anders angefangen. Fahrt aus der sonnigen NRW Provinz ins kalte, flache, sächsische Grau. So war es gestern. Zweifel, ob ich überhaupt ankomme, des alten Wagens wegen und weil ich nichts organisiert habe. Das Stadtzentrum ist nicht klar ausgeschildert, aber die Sternstraße, Herbst- und Winterstraße will ich mir merken, oder umgekehrt. Die Straßen werden sich an mich erinnern, auf dem Weg zurück. Ich spreche ein junge Frau an, oder ist es ein Mann, die mir genaue Anweisung gibt, wie ich was finde und sogar noch ausführlicher werden will. Wieder sage ich: Das ist, wie im Märchen: Der Sucher geht aus in die Irre und wird vom Fuchs geleitet, dann vom Baum und schließlich von der Eule. Was wollen Sie sein ? – Ach, Baum,- sagt sie und will mir noch mehr zu merken aufgeben. – Mekte heißt die Haltestelle, wenn sie die Vier oder die Neun nehmen und die Straßenbahn muss es schon sein, wenn Sie noch zur Zeit kommen wollen.-
In der Straßenbahn dann eine junge Frau, die mich feundlich anleitet, ebenso ein Breitschultriger. „ Ich will auch hin,§ sagt er, „ aber ich gehöre dazu.“
Komisch,- keine Ahnung, dass ich gesagt hätte, welche Gesinnung mich antreibt, oder ob ich überhaupt eine habe. -Steigen Sie am besten mit mir aus. –
Der Mann hält mir seine Argumente hin, ganz anders, als die Menschen, die ich im Außenbereich nach dem Weg gefragt hatte und die mir sofort etwas über ihre Meinungslosigkeit erzählen wollten, aber immer sofort drastisch wurden,- allesamt: Eine Oma, eine junge Serviererin, eine Tankstellen Bedienstete, ein Mann mit Kissen am Fenster und eine Oma wie ich. Wir, sagt sie, wir wissen doch von nichts, nein, wir wollen auch nichts wissen. –
Ja, denke ich jetzt, das kann sein, dass niemand genug weiß, auch ch nicht, und wollen au ch nichts wissen. Ich zum Beispiel fühle weder Obdachlose noch Flüchtlinge an meiner Türschwelle
„ Aber den Soli, den Soli habt ihr doch auch von uns gekriegt,“ sage ich schließlich, als er nicht aufhören will, zu sagen, dass wir die Geldbremse ziehen müssen und zwar sofort. „
„ Ja, sagt er, wir gehören ja auch zusammen. „
„ Und den Rest der Welt hat man uns vor die Tür gegooglet, sage ich „und das ist nicht mehr zu ändern. „
Aber ehrlich gesagt, ich höre mir gar nicht mehr richtig zu. Ich höre eher viele menschliche Stimmen und bin irgendwie gerührt, nehme sogar mehr, als sonst, menschliche Gesichter wahr, sehe, dass da einer in Frührente ist und nicht weiter weiß. Endlich am Theaterplatz und vor der Frauenkirche sind nur ein paar Versprengte zu sehen, aber vier, fünf Polizeiwagen, die auf Masse schließen lassen. -Warten Sie nur, sagt mein Begleiter, gleich sind sie da und dann geht’s los. Dabei hat er mir schon gesagt, dass jetzt nur noch Milde waltet wegen der Wahl und so. Die Randale ist vorbei, sonst müssen wird der Platz gesperrt. Mit meiner Idee vom COOP.WALK vor Augen sehe ich drei junge Männer etwas abseits stehen. Ich spreche sie an, aber sie wollen nicht gesehen werden und schon lange nicht performen, aber erst recht nicht ins Internet. -Am liebsten nach dem Studium wieder nach Hause,- sagt einer von ihnen. Der ärgert sich am lautesten darüber, dass hier nichts passiert. „Dann wären wir doch gar nicht erst gekommen.“ Sie sind Biochemie Studenten. – Ein Revier, auf dem noch was zu jagen ist, – sage ich und sehe vergnügte Gesichter.
Endlich nehme ich respektvoll Abstand. Meinetwegen sind die drei schließlich nicht gekommen und für mich ist hier nichts zu jagen.
Nebenan plötzlich zwei Fahnenträger, an der Musik wird noch oder schon geschraubt und inzwischen spricht jemand über all das, was PEGIDA nicht ist. Und vor allem keine Kampf Organisation.Der oberste PEGIDIST ist wohl da und der Bachmann, der will PEGIDA der AFD anschließen, vielleicht wäre das noch ein Chance für ihn. Aufs Anhören der Kleinklimpereien kann ich verzichten, wie die meisten hier. Nur die Musik schleudert immer neue Euphoriewellen ein. Dann wieder feste Stimme. Ich gehe weiter. Wegen meines Gesellenhutes falle ich auf. Und wegen Charly- Der bandelt an, wie gewohnt, aber das soll er nicht. Jemand möchte den Hund anmachen und damit mich, aber er wird abgebremst. Dann ein Filmteam, das mich anspricht. Ich rede sofort von der Unsicherheit, von der Angst, die man riecht und schmeckt und von der Wut dahinter,
„ Wehe,“ sage ich, „ da sticht jemand rein, dann explodiert´s. „
Da ist einer zur Stelle mit kleiner Fahnenstange. Er wickelt schnell das Tuch drum herum und hält das Holz gegen mich gerichtet.
„ Das soll sie nicht sagen, das sagt sie hier nicht. „
Ich halte dem Lautsprecher meine Augen entgegen.
„ Doch, das sagt sie hier. „
Dann sehe ich, wie das Team zurückweicht. Ist es die Angst um die Kamera oder die vor dem Halbwilden mit der Fahnenwaffe.
Mit meiner Standfestigkeit jedenfalls scheint auch die Situation in sich zu stehen. Erst, als ich weiter gehe, dreht sich was um sich selbst, lässt dann die Spannung unaufgelöst weiter wandern.
In der Mitte zwei intelligent blickende junge Männer. Einer ist Künstler und erklärt mir die Kunst, wie sie richtig geht, und der andere, ein Redakteur, weiß Genaueres über die derzeitige Lage der Dinge. Er verblüfft mich, ohne dass ich genau sagen könnte, womit. Ich atme den Massendampf ein und tauche in Gesichter, die darauf warten gesehen zu werden. Bedürftige Kindergesichter hinter infamen Fassaden und infame Fassaden vor Kindergesichtern: Angst !
Erbarmungswürdig menschlich, wie ich die Menge, wie ich mich lange nicht mehr gesehen habe.
Und dann kommen Parolen, zuerst leise , dann lauter, und ein Sumpf von Musik, der nicht allzu deutlich an Hitler erinnert, nur entfernt. Und als sie lauter werden, die Parolen, hört man es deutlich:
„ Merkel muss weg, Merkel muss weg. „ Und damit setzt sich der Schwung in Gang. Am Rande treffe ich noch zwei, drei, die ihr eigenes Geschäft gehabt haben. Handwerker. Sie sind wegen der konzentriert organisierten Konkurrenz oder weswegen zugrunde gegangen . Jedenfalls haben sie ihren Frust. Der eine trägt eine Schweinemaske,. Als ich frage, sagt er, das weißt du nicht ? Das sind die doch, die Muslime. –
Bevor alle weiter gehen, bewege ich mich durch die Reihen, drehe mich aber nicht um zum Ort des Geschehens, wo jemand den Rest erzählt, – wie die Welt sich drehen soll, – ich wende mich direkt den Menschen zu, streife mir Zentimeter entfernt ihre Gesichter über, merke meine Zumutung nicht, sehe direkt hinein in schleifende Augen, offene Münder, bedürftig nach Stoff, Gesichter, die nur darauf warten, gezündet zu werden, damit sie endlich schreien, fressen zubrüllen dürfen. Gefühle, die ich nur darum sehe, weil ich sie selber kenne ?!

Und manche, die eben erst auf dem Weg dahin sind, sprechen mich an, halb freundlich, halb gierig, damit ich ihnen gebe, was sie zu brauchen meinen, und umso wilder drauf sind, je weniger sie sich selber gehabt haben. Sie wollen die Botschaft von der obersten deutschen Weltrichtigkeit haben und zwar sofort und so scharf es eben geht. – Hatten wir das nicht alles schon ?
Nachher, vorm Transporter, wo ich schlafen will mit nassen Artrose- Füßen, durchweichter Jacke, neben mir den nassen Hund, gibt mein Gesellenhut schüsseweise Regen ab und der Wagen schneit in der Nacht zu. Aber im Bett mit doppelten Zudecken ist es warm, wie lange nicht mehr.
Am Morgen danach weiß ich, dass die PGIDA in Chemnitz nicht auch noch besuchen will- Ich will überhaupt keine PEGIDA mehr besuchen.
Was noch erzählt werden soll:
Frau Roth ist dann irgendwann aus dem Wagen gestiegen, mit ihren Hofschranzen, um sich der Masse von drei vier, fünf Verehrern zu stellen. Da habe ich sie mir gepackt.
„ Sie wissen doch genau, dass es mit Europa längst vorbei ist. Ich sage Ihnen jetzt, was auf uns zu kommt. „
„ Nichts sagen Sie, hier spreche ich . „
„ Das meinen Sie nur. Die Grünen haben längst ausgeredet, und damit auch Sie. Ich sage Ihnen, dass wir jetzt zurück kolonialisiert werden von den denen, die wir uns vorher als Kolonien unter die Nagel gerissen haben.“
„ Wie meinen Sie das denn ? „
Sie konnte sich nicht so schnell fassen.
„ Die Regierung hat den Saudis zum Beispiel hinter unserem Rücken die Waffen verkauft, die sich jetzt gegen uns wenden. Und zwar in Form von Flüchtlingen.
„ Ja,“ sagt sie auf ihre sehr eigene Caudia Roth- Art, indem sie sich weg dreht, leicht gebückt.
„ Das stimmt schon, das mit den Waffen, und schon ist sie weiter im Schutz ihrer Vasallen.

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