Das war so: Am Freitag, dem 04.05. – (vorbei,schon vorbei ) entdecke ich im Internet, es hat wieder einen Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft gegeben. In Witten. Warum ausgerechnet in Witten ? Die bezeichnen sich doch seit langem als vielfarbig,- lese ich so,- das bestätigt die Stabsstelle für Integration,- die Frau Formann und ist wortweise auch gleich, zack zack, dran vorbei, wegen der Zwiebelkirmes, sagt sie und dass man über den COOP.WALK vielleicht am Montag reden könnte. – Wenn man wollte, – denke ich. Und: Kann das denn sein, dass die weiblichen Angestellten bei den Behörden, ja, vor allem die, – sämtliche Flüchtlingsprobleme und alles drum herum als Unkraut im Vorgarten betrachten, – peinliche Unordentlichkeitsboten, die ausgerupft werden müssen ? Bürokratie kratzt an seinen Auswüchsen, wie befohlen.
Nein da fahre ich doch gleich los, es muss mal was spontan gehe !
Einpacken vergleichsweise schnell.
Hund weglassen mühsam .-
Männliche Instruktionen ausgeschlagen.
Wetterbericht,- weg damit !
Geld muss her, irgendwie.
Fahrlust eingeredet .
Und bin schon da, irgendwo in der Nähe, das muss so sein, rein gefühlsmäßig. Navi funktioniert wieder nicht, Schlafen im Bus bei strömendem Regen,- ein Kinderspiel. Beim Aufwachen ist der Name der Stadt weg, ganz konsequent, bin ja dem Festhalten aus dem Wege gerollt. Es könnte jede deutsche Stadt sein und keine, also,- egal welche. Es ist Witten. Über Herdecke fällt es mir ein, kaum dass ich wach bin. Warum Herdecke ? Weil das rhythmisch andockt. Witten kam zu plötzlich !
Am nächtlichen Standort ein Lidl am Eck, ein Toilettenplatz sogar und Kaffee zum Frühstück plus Mann, dem ich sage, dass er den Weg für mich weiß und er weiß ihn. Meine Freude darüber nimmt er mit und ich ströme seiner Armanzeige nach sofort auf Witten zu.
Aber, verdammt, die Stadt ist direkt schräg gelegt. Wie soll ich da mit meinen Karren fahren, ohne dass sie von selber losrollen und Menschen gefährden ? Erstmal aber Freude darüber, wie ich da auf den Kirchplatz an Wittens Mitte zu ströme, wo mir der Küster die Flüchtlingsfrage und seinen Stand dazu beschreibt. Geteilt, gespalten, mitten durch die eigene Person geblitzt.
– Das ist alles kein Witz mehr, sagt er und ich begreife ihn voll. Vielleicht zu voll ?
Schließlich fahre ich diesmal die Worte

HELP HUMANS ONE WORLD
HUMANS ONE WORLD HELP
ONE WORLD HELP HUMANS

Wege und Begriffe ohne Menschen drin gibt es nicht. Weder Angstbegriffe noch Freudestraßen, noch alles andere. Abrissartig ein Bild in meinem Kopf,- das Bild vom Witz über den, der sich vom Hochhaus stürzt und sich im Fallen freut, weil er doch noch einen Menschen auf irgendeiner Etage zu Gesicht bekommen hat. Er war also nicht der einzige Überlebende. – Jedenfalls darf ich hier am Kirchplatz für einen Tag parken und wieder in Glück greifen.

Sogar Freude darüber, dass ich ein Haarspray kaufen kann, um die Worte auf den Esspappen regenfest zu lackieren. Bei Erprobung der Strecke ohne Objekte komme ich an vielen eher blicklosen Menschen vorbei, bis auf die Bürgermeister Werberinnen und Werber mit ihren STARKE FRAU,- STARKE STADT Plakaten und kleinen Werbetransportmitteln.
Alles ist, wie es ist. Auch der Marktplatz vorm Rathaus und das Beliebigkeitsgefühl angesichts von Backhaus und gegenüber Backwerk und Karstadt leer und Kaufhof fast leer und Menschen dran vorbei und eher am Rande der billig segmentierte dm Drogeriemarkt , – so zugewandt beliebig wie in jeder anderen Stadt. Und gegen Mittag, als ich endlich los will, weil die Zwiebelkirmes erst gegen Mittag los gehen soll, da regnet es prompt wieder.
Endlich mache ich mich auf, Wagen bepackt und los, egal wie nass ich werde, oder die Wolle. –
Ein Lautsprecherwagen,- vorbei mit kleiner Kolonne von Demonstranten, die gegen die Brandanschläge demonstrieren. Einige schließen sich an, dann mehrere.
Wieder ein inneres, sogar großes Aufblinken bei mir ! Ich komme dem Zug entgegen, auf der anderen Straßenseite mit meinen Wolle beladenen Minikarren. – Wieder ein intensives Freude Gefühl im Bauch.
Freude auch bei entgegen Kommenden, und Neugier.
Und wie viel Sorge hatte ich gehabt, dass die Karren sich selbständig machen. Dabei muss ich nur ein, zwei Docken Wolle vor die Räder legen, damit sie sich nicht selbst in Gang setzen.
Gleich hinter dem Markt ein blonder Mann um die fünfzig, der am Platz bekannt ist.
Und wie ich da zwei Mädchen erkläre, was es mit dem COOP.WALK auf sich hat, sehe ich ihn zuhören und interessiere mich für sein Erzählen.
Dass er in den Neunzigern seinen unrentablen Bauernhof von einigen Morgen Land verkauft hat und vom Geld in die Welt gefahren ist. Nach Australien, Amerika, China, Nepal und mehr , mehr, was ich mir am Rande vorstelle, Ja, auch Kanada war dabei. Und ich frage mich, was davon in ihm übrig geblieben ist. Und denke : Wie er jetzt wohl durchkommt. Ja, er pflegt seine neunzigjährige demente Mutter. Was nicht immer leicht ist, sagt er.
Aber gut. Er ist hier bekannt und nicht schlecht drauf, wie man sieht. Das Resultat seiner Reisen will ich wissen. So wie ich das existenzielle Resultat von Bürokraten kenne, will ich seins sehen, sofort ! Ja, ganz einfach, denke ich: Dann ist hier eben Dschungel, mitten in Witten. Oder Wasser mit Krokodilen und alle verwandten Geschuppten und Glotzäugigen hier, nahe am Rathaus, auch die Landschaften, Berge, Eisklippen alle miteinander und drum herum, egal, wie alleine er da steht. – Ja, denke ich, der ist kein oberfeiner Mausekater mit nichts als Kohle im Hirn, der weiß was von Lebensqualität, egal, wie mühsam er sich durchschlägt und da steht er: Das Resultat: Welt im Kopf !
Dann weiter. Diesmal sind es nur ein paar Umrundungen nur. Ich fotografiere schnell, obwohl ich weiß, das Handy wird nichts hergeben davon, – aber vielleicht später. –
Da vorm Backwerk sitzen zwei Herren in den Fünfzigern.
Sie sollen beide auf die Karren aufpassen während ich auf´s Klo gehe.
Da sitzen sie lächelnd und wollen wissen, wieso und warum, ohne genau nachzufragen.
Diese Reaktion kenne ich. Ob es den Menschen peinlich ist, etwas zu sehen, was sich nicht sofort von selbst erklärt ?
Auf einmal sagt der Rundere: – Meine Frau schlägt mich. Und das ist die Dunkelziffer. Sie ahnen gar nicht wie viele Dunkelziffern es gibt. –
Er schiebt sich auf seiner Bank. Ob er dabei lacht, kann ich nicht genau erkennen.Klar, dass ich stehen bleibe. – Ich höre seine farbigen Redestrom und als ich sage: Ich möchte was wissen, trollt der Braunäugige sich , sagt aber vorher: Stimmt nicht, den kenne ich ! Da habe ich die Frauenschläge fast schon wieder vergessen.
Jetzt schwärmt er davon, dass einer seiner Schüler gesagt hat: „Gott ist ein superguter Computer. „ und ein andere: „ Gott ist ein Zauberer. „
Ob seine Schläge – Aussage stimmt oder nicht, ich möchte jetzt mehr wissen. So farbig offene Männer gibt es selten aus der Nähe zu erleben.
Und dann blättert er mir sein Leben hin, jedenfalls sein berufliches Leben von Kindheit an. Und wie ich erfahre, dass er, katholisch lebensvoll erzogen, für´s Träumen vorgesehen war und die anderen großbürgerlichen älteren Kinder für die Karrieren, da kenne ich einiges wieder. Auch die anfänglich mangelhaften Schulerfolge und die nachfolgenden Selbstbeweise in rauen Mengen. Zuerst Bundeswehr als Sanitäter mit umfangreichem Lernen gesellschaftlicher Mechanismen, dann Priesterseminar, Bewährungshelfer, Sozialarbeiter und neues Studium: Latein und Griechisch, was aber in der Schule zu unterrichten nur langweilig war und dann die Arbeit im Knast als Sozialarbeiter und Bewährungshelfer, als Mädchen für alles ,vielleicht eher als Mensch mit menschlichen Ohren. Unten drunter der Orgelton von Gewalt und Schiebung, Verrat, Hackordnung
und mafiösem Tun. Die Zuordnungen begreife ich nicht, sehe aber, dass da einer über seine emotionalen Verhältnisse lebt . Und da sagt er es:
Als ich da vor denen gesessen habe, die kein deutsches Wort konnten, aber jede Art Drogenkriminalität ,- eingeschleuste Schwarze meist, denen du nicht auf die Schliche kommen kannst, Abschiebehäftlinge, zu jeder Art Widerstand bereit, um nur ja drin zu bleiben, im Knast.
Da hatten sie es gut. In Afrika hätten sie nicht länger als drei Jahre im Gefängnis zu leben gehabt, das weiß man und bei mir hatten sie es extra gut, obwohl ich auch streng sein konnte als Bewährungshelfer oder Sozialarbeiter, egal ! Und so lange die Hackordnung stimmte, war auch meine Rolle gut umrissen, aber wie sie , die Verwalter eben völlig hirnlos alle zusammen gepfercht hatten zum Essen im riesigen Speisesaal , da war es aus mit den Rangordnungen und ich als Vertrauensmensch abgemeldet. Existenz kaputt fühle ich und sehe, wie er vibriert.
Genau das hatte er vorhin gesagt, und ich höre noch einmal hinter dem unfertigen Satz her:
Als ich da vor denen gesessen habe, diesen gefangenen Dealern, die kein Wort mit mir wechseln konnten, da habe ich doch innerlich vibriert, war mit den Nerven aufs Höchste gespannt und nachher ganz fertig davon. –
Ich sehe, wie er auch jetzt vibriert, aber ich handele nicht mit Drogen. Wenn, dann ist er selber die Droge. Das denke ich jetzt. Gestern, vor dem Backwerk, wo die Wagen immer wieder Schutz vor neuen Regengüssen bekommen, da habe ich ihm was von Abstinenz erzählt.
Unten drunter unter all dem Getümmel musst du immer unberührbar bleiben, egal wie hoch es hergeht.
Gar nichts tun kann eine Sucht sein genau wie ständiges Ackern. Das sagt er und muss sich erst mal lang legen auf der Bank. Das ist psychosomatisch. Seine Rede und ich habe nichts zu ergänzen.

Freiwilligen Religionsunterricht gibt er jetzt in einer Berliner Schule. Nicht viel, aber vielleicht ausreichend, um erst mal durchzukommen. „
„ Gott ist ein superguter Computer, „ hat ein Achtjähriger gesagt und wie zu Anfang freut er sich noch einmal drüber. Auch über den anderen Kinderspruch: „ Gott ist ein Zauberer. „
Ich sage: Kann ich nicht verstehen, dass die Katholen und Evangelen nicht begreifen, was für einen riesigen Märchenschatz sie da haben mit ihrer Bibel und ihren Nebengeschichten und Historie und Liturgien und Ritualen und Kostümen und Gesängen und Wandlungen. Stattdessen bleiben sie stecken in ihrem EINS zu EINS Getue, nur um damit sich selbst an oberste Stelle und damit Gott gleich zu setzen. Gottes IST- Macht ist Kirchens IST Macht, wenn auch nur eingebildeter Maßen. Lauter Ersatzgötter, die sich genau damit selbst als Spielzeugfiguren enttarnen. Dabei könnten sie die Macht über die Bilder behalten und sogar noch ausbauen. Ganz leicht.
Jetzt bin ich in Fahrt, aber noch an der Schwelle zur Wut. Da will ich weg, da muss ich mich losreißen. Wie war das mit der Sucht ? Habe ich vielleicht die Sucht, im Dreck zu graben ?
Ich konnte kaum ein paar Runden performen, habe aber doch ein volles Gefühl am Ende. Da stehe ich und umarme einen wildfremden Mann, dessen Namen ich nicht einmal kenne.

– Life is very short, and there is no time for fussing and fighting my friend …-

Je suis Charlie

Je suis Charlie