Polizei ist immer mit dabei

Polizei ist mit dabei

ORTUNG „ Tell me about victory „ Die Neuauflage 04.07.2014
Es verspricht heiß zu werden, sogar sehr heiß. Dazwischen voraussichtlich trübe Zeiten und Regen. Was bleibt uns denn, als „ scheißheißegal „ zu sagen, und ab mit den T-shirts auf die Karre und rüber zur Siegessäule. Eine Fußgänger Ampel gibt es nicht; auch keine Sicherheit, dass die Klamotten auf keinen Fall aus den aufgeweichten und wieder getrockneten Kartons heraus platzen und über das Straßenrund fliegen, wie die Karten vor fünf Jahren, bei einer der “ Goldelse sucht Goldesel „ Umrundungen. Die T-shirts stammen noch von der „ Siegverhüter “ Performance zum C S D Tag 2007, als Blitz und Hagel jede Weiterführung und erfolgreiche Beendung der Performance zunichte gemacht haben. Abbruch der Hirnverknüpfungen.
Jetzt bin ich angekommen. Georg geht mit den Hunden, er scheint schon vor Beginn der Aktion platt zu sein. Die Shirts kommen mir bereits entgegen, wollen Schulter an Schulter für den Frieden in der Welt gelegt werden, egal wie vergeblich. Immmer um die Siegessäule herum, dieses Touristensignal, endlos, ziellos. Was, zum Teufel, bringt mich immer wieder zu diesen Endlos- Umkreisungen ?
Es sind auch diesmal kaum Leute da außer denen, die in Ruhe gelassen werden wollen, wie immer, wenn die Menschen ihre Berlin- Pflicht absolvieren und sich genervt auf den Stufen niederlassen.Genau wie ich. Und gleichzeitig ganz anders.
Wieder höre ich den Burgenbaukünstler aus Barcelona : „ Here you are again, – I see the burden upon your sholder. „ Jaja. Ich schleppe, wie gehabt, und verteile weiße T-shirts mit dem Bild des Menschen plus Skelett im Schlepptau und der Aufschrift „ tell me about victory“ drauf, lege immmer eins nach dem anderen auf den Rasen, Schulter an Schulter. Da haken sie sich leicht am Gras fest. Ein Wind kommt auf, aber noch kein Gewitter, also weiter.
Ein Gruppe im Schatten der Säule, gegen Mittag. Da lagen eben noch die Hunde mit hängenden Zungen, sind jetzt wohl in den Tiergarten abgetaucht, Ich merke die Gluthitze nicht.
Eine Schülergruppe knapp vorm Abitur schätzungsweise, mit zwei Lehrern. Ich gehe mit den Esspappen auf sie zu. Vielleicht machen die mir den COOP.WALK, der ja auch dazu passt. Keiner hört hin und ich habe keine Geduld, die ganz gewöhnliche Taubheit zu durchbrechen. Ich durchbreche sie immer, wenn ich will. Und ich spüre genau,- heute nicht.
Trotzdem halte ich die Esspappen hin: PEOPLE, HELP, IMAGINE und sage mein Sprüchlein auf. Immer die letzte Person mit Pappe vor die erste Person mit Pappe stellen und so weiter und so weiter. Ich nehme die Pappen, lege sie auf die Steine, mit flauem Gefühl im Magen.
Das heißt dann HELP. IMAGINE,- PEOPLE und dann IMAGINE, PEOPLE, HELP,- das ist gigantischer Stoff, merkt ihr ?Ich nehme an, ihr kennt die Lieder von den Beatles mit den jeweiligen Worten. Manche fangen an, verständig zu gucken.Das ist Stoff, der sich im Internet multiplizieren kann.-
Aber wir dürfen nicht. Hat unser Direkor gesagt Unter fünf Personen dürfen nicht im Internet auf Fotos oder Videos erscheinen. –
Ich möchte losschreien, versuche gerade noch, mich zu mäßigen, frage, ob sie eventuell schon selber denken können und selber erkennen. Die Lehrerin winkt ab.- Bitte weiter gehen.-
Da platzt es aus mir heraus. Als ob ich die Goldelse selber wäre kippe ich meinen Schimpf auf die Dummheitsvermittler, die doch selber wissen müssten, wie man Stoff vergisst.
Kritische Menschen erziehen, das wäre die Aufgabe von Lehrern. Und nicht das Gegenteil, wie Sie es tun. Brave Konsumenten hervorbringen. Ich drehe mich wieder zu den ziemlich erwachsen wirkenden Schülern um.
Nennt mir nur einen einzigen Lehrer, der euch zu kritischen Denkern erzieht und ich gehe weiter, habe nämlich selbst meine Beschwerden heute. –
Ja, einen kenne ich.- Ein Mädchen meldet sich. Und ein Junge.
Dann ist es gut, Und Sie,- ich drehe mich den Lehrern zu, die ihre Verlegenheit zu verstecken versuchen.
Und Sie vergessen diesen Auftritt nicht. Tut mir leid, Sie werden ihn nie wieder vergessen.-

Mein Gott, was hätte ich noch alles sagen können und bewirken. Klar, hätte die jungen Leute auch mit etwas Selbstüberwindung zum Mitmachen hinreißen können, aberaber und aber…
Zwei von ihnen laufen nachher hinter mir her, wollen T-shirts haben, die ich ihnen auch gebe. Einfach so, nur den anderen nicht, denen, die immer im Schwarm mitfliegen.
Heute ist Sisyphustag, der hervorstechendste, wegen der Hitze, wegen der allzu deutlichen Wiederholung meiner selbst, – burden upon my shoulder.
Ich gehe weiter. Den restlichen Tag über gehe ich weiter. Immer in die Runde. Rundum Frieden in der Welt. Die Israelis, sagt man so, haben einen jungen Mann bei lebendigem Leibe verbrannt, wegen der drei anderen umgebrachten jungen Religionsschüler und so weiter und so weiter. Ich laufe, bis die Hunde wieder da sind und mein Mann nach Abwechslung schreit und nach Fußball. Ja, abends Fußball, der mich die Wiederholungen vergessen lässt. Und das Vergessen von Namen und Ereignissen. Und ich höre weg, wenn Olli Kahn wieder was Kluges zu sagen versucht. Was von Körperlichkeit und Strategie etwa und „ permanent „ Nein, die Permanenz haben die Altvorderen, lieber Olli, wenn sie nicht früh genug abtreten. Und sicher wird er keinen Salto mehr hinkriegen,der Klose, der, dessen Namen ich eigentlich schon vergessen habe und dessen Augen so ängstlich nah zusammen stehen, Özils großem Gucken ähnlich, nur, dass der auch noch… ich ziehe es vor, nicht weiter zu denken. Besserwissen kann jeder._
Aber am nächsten Tag bin ich wieder da. Bei der Siegessäule. Diesmal packe ich alleine aus und wieder ein. Ein Psychologe aus Arizona bedankt sich für die Aktion, hat sie schon von weitem erkannt. Polizei ist auch wieder im Einsatz, von irgend jemandem geholt, von der Siegessäulen Betreiberin vielleicht und wieder halte ich meine Arme hin zum Festnehmen. Aber den Gefallen zu Eigenwerbung tun sie mir auch diesmal nicht.
Aha, sage ich, haben wir immer noch keine endgültigen DDR- Verhältnisse ? Kommt noch. Dann ein Tibetaner, den ich aber vorher anspreche. Wie auch den Mann, den Amerikaner, der überall hin filmt, nur nicht zu mir, weil man das nicht tut. Er war Flieger und noch bis 1959 in Berlin stationiert. Seine Frau mit rosa Hütchen und fein winkligen Augen freut sich über Berlin und überhaupt, aus sich heraus und tut mir damit gut und steckt mich an zum Weiterfreuen . Egal worüber. Und der Künstler mit oben ohne, der mir nachläuft und gern ein T- shirt in XL hätte, das aber noch im Auto liegt. Aber der junge Mann mit den Wolfsaugen kriegt eins, weil er Größe M hat und Bäume pflegt und vom Bezahlen in Naturalien schwärmt und von einer Frau , die ganz ohne Geld durchgekommen ist. Tut er vielleicht auch. Heute, sage ich, ist heute und es ist gar nicht windig und geregnet hat es auch nicht und das heutige Fußballgucken wird wunderbar sein undundund.
Als ich „ tell me about victory „ an die „separation wall“ geschrieben habe, also , auf beide Seiten, auf die israelische und die palästinensische, habe ich es selbst gesehen und erlebt, wie aggressiv und sogar brutal die israelischen Soldaten waren und gehandelt haben. Nein, friedlich ist niemand durchgehend.-
Und war es schon, auf einer Riesenleinwand am Nordhafen, – wir die einzigen guckenden Menschen davor, die nachher mehr wurden, weil wir so gelacht und uns gefreut haben, obwohl dann doch Holland gewonnen hat, was ich nicht wollte, aber egal, Hauptsache, wir können wieder lachen.
Nachts im Bett, also in unserem Transporter erinnere ich mich dann doch noch an das alte israelische Paar, dessen Sohn wahrscheinlich von Palästinensern umgebracht worden ist. Und wie ich mich ziemlich dumm für den Holocaust entschuldige, oder in der Richtung jedenfalls. Und wie sie von den friedlich gesonnen Juden sprechen. Das rieche ich noch, schmecke hinterher,- und wie ich sage:
Nein, nicht durchgehend friedlich,- bin ich auch nicht, ist niemand.
Aber die Israelis. Nein, sage ich wieder, friedlich ist niemand durchgehend, auch nicht die Israelis. Ich habe es selbst gesehen,als ich „ tell me about victory „ an die „separation wall“ geschrieben habe, 2005 schon, als sie auf Busse geschossen haben und ich in einem von ihnen saß. Also , auf beide Seiten der Wall habe ich geschrieben, damals, auf die israelische und die palästinensische, und habe selbst gesehen und erlebt, wie aggressiv und sogar brutal die israelischen Soldaten waren. Nein, friedlich ist niemand durchgehend.-
Ich auch nicht, denke ich nochmal, damit es gründlich sitzt. Für mich selber. Und ich schaue ihnen nach, den beiden, die sehen, dass sie weg kommen von meiner harten Stimme. Schade, dass ich mein Gesicht in dieser Situation nicht vor mir habe. Das innere Hören geht bei mir weit besser, denke ich.

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Separation Wall Jerusalem 2005

An der Separation Wall in Jerusalem 2005 ( nothing changed… )

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