Das Manuskript „ Geschlechtsteile Dompteusen „ ist beendet. In Gedanken bin ich längst bei der Fortsetzung und, angestoßen durch das Gespräch mit einem möglichen Verleger, besser, durch seine bloße Anwesenheit und mein Gespür, bin ich selbst ganz anwesend und in Neuanschlüsse verstrickt. Nicht bewusst. Das sind Überfälle am hellichten Tage.

Gleichzeitig gewissermaßen eine Goldkugel im Kopf für eine multimediale Installation und Performance im Magdeburger Dom, fast fertig vorhanden und ohne mein Zutun. Dazu balancierende, fast zärtliches Befinden um das Männliche und das Weibliche herum, ganz zustimmend und ohne Auseinadersetzung. Es ist ein schöner Tag, ich bin mit den Hunden unterwegs.

Von der gegenüber liegenden Seite ein Blick, ein Andocken, ein Zirpen, man weiß nicht, ob auf meine Hunde bezogen, oder auf mich. Eine Dame in weiß-rosa, vielleicht etwas älter, als ich, kommt auf mich zu, führt ihr Hündchen vor, fährt sich über die Wangen:

– Mir geht’s schlecht, sieht man gleich, nicht ? Aber Sie sehen so jung aus, wie alt sind Sie denn ? –

Natürlich will sie das nicht wissen. Sie zieht seitlich neben ihren Augen die Haut hoch, blickt nur noch durch Schlitze, aber tatsächlich, ihre grauen Rinnsale und Hautsäcke verschwinden , sie strafft sich auch sonst. Ich kenne die Dame nicht, aber egal. Hundebesitzer sind ein besonders automatischer Klub.

Und wieder jammert sie ein Elendslied, drückt Tränchen heraus, worauf ich nicht eingehe. Das Lied verstummt sofort. Dafür eine Gebetsmühle ihrer Krankheiten. Zuerst Artrose, und Artritis und Gebärmutter weg und Blase angeritzt mit Säckchen drumrum, das eingewachsen ist und Rheuma und vor allem Depression und Tabletten und umfallen, vor allem immer fast wegsacken, wenn der Hundegang angesagt ist. Da hilft ein Klopfen aufs Knie auch nichts mehr und vor allem nicht die Frage, ob der Schmerz dunkel ist oder hell. So ein blöder Arzt.Ob sie sich die Zähne weißen lassen soll, aber damit sieht man vielleicht auch nicht jünger aus. Wenn ich Ihnen das alles erzählen würde. Aber noch vor einem Jahr, sag ich Ihnen, als mein Mann noch lebte, waren wir immer ein halbes Jahr in der Welt unterwegs und das andere halbe Jahr zu Hause, wenn es warm genug war, so wie jetzt.

Sie macht mal Pause, fummelt an ihrem Hündchen herum. So eins habe ich noch nie gesehen. Es ist halb Boxer, halb Schweinchen und hat einen vorgezogenen Unterkiefer, darüber dunkel quellende Mopsaugen. Zum leidtun hässlich, dieses Tier, aber ich bin gut gestimmt, will sehen, dass Menschen gut sind, ich auch.

Sie hat offenbar weiter geredet, auch ohne mich.

-…und sitzt den ganzen Tag im Haus herum, ich kann ja nicht, sacke ja immer weg und dann die Ängste.-

Bevor sie sich wieder in Tränen auflöst, sage ich ihr, sie soll mal kommen, wir haben einen Garten, gut für Hunde.

Ja, sagt sie, das mache ich und zwar jetzt gleich. Was ich ziemlich gewagt finde und irgendwie gut, wie gesagt. Also nehme ich sie mit. Sie ist begeistert.

– Dann muss ich nur noch Ihren Mann überzeugen.

– Wovon überzeugen ?

– Dass die Chika hier bleiben kann.

– Na ja, jedenfalls jetzt erst mal ein bisschen rumtoben.Gleich kommt die Katze. –

– Die kann sie nicht vertragen. Und ich hoffe, es ist hier alles umzäunt. Aber machmal gräbt sich Chika auch einen Weg unterm Zaun durch. Vorne kann sie unter dem Tor durch, da muss noch ein Holm angebracht werden . –

– Hören Sie mal, hier ist alles so, wie es ist, und gut für uns, sehen Sie ja.

– Oder ein Draht. Chika macht keine Schwierigkeiten und die frisst alles. Ich bezahle übrigens auch, selbstverständlich. Jedenfalls erst mal. –

– Ich will gar kein Geld und Ihren Hund für länger hier behalten will ich auch nicht, verstehen Sie ?-

– Aber Chika ist ja kein Hund, die ist ein Hündchen. Und ich muss doch diese Woche dauernd zum Arzt. Und, wissen Sie was, ich kann schon nicht mehr meinen Kopf bewegen, wenn ich Chika ziehe oder besonders halten muss. Um das zu demonstrieren, dreht sie ihren Kopf von links nach rechts, so aufwändig und virtuos, dass ich einfach drauflos grinsen muss.

– Was lachen Sie denn ? Chika hat eine echte Lastwagenphobie, weil sie von der Müllkippe in Spanien kommt. – Ich reagiere nicht.

– Chika hat nämlich eine Lastwagenphobie. Das müssen Sie wissen, wenn Sie mit ihr unterwegs sind. Aber der Hund hört so gut und Mutti ist ganz traurig, wenn sie jetzt wieder gehen muss.-

Sie guckt mich noch eine Portion extra verwirrt und extra leidend an.

Aber ich muss ja erst noch Ihren Mann überzeugen und Männer überzeugt man so schwer.

Mein Mann kommt dazu. Er findet das Hündchen skurril, wie ich sehe. Sie muss diese Woche zum Arzt, sage ich.

Es kommt so, dass Chika diese Woche bleiben kann, aber Frau S. soll sie

täglich besuchen. Chika passt sich tatsächlich geschmeidig an, nur die

Katze mag sie nicht . Chika ist auch Nackthund und Betthund und beim

Rausgehen mit drei Hunden immer wendig um mich herum und ich weiß gar nicht, was die Leute haben, dass sie das so artistisch finden. Ich seh

mich selber ja nicht. Und dann ruft Frau S. an, dass sie kommt, und ihren

Bruder und Schwägerin mitbringt. Sie ist auch gleich da und will die

Verwandten in unser Haus bitten. Unser Gewächshaus, mein Atelier, das

wir derzeit bewohnen.

-Halt, sage ich, was ist das denn ? – Aber Sie wollen doch was verkaufen.- Woher sie das weiß, sagt sie nicht. Sie haben eine Decke für das Hündchen mit gebracht und auch drei Döschen plus Trockenfutter zum Fressen. Dann gehen sie wieder. Ich höre, dass es ihr nicht passt, wenn ich Chika anbinde, weil ihr Hals so angeschabt wird vom Zaumzeug.

Aber so, sage ich, kann sie wenigstens nicht unter dem Zaun durch, was ich ihrer Bedenken wegen so mache.

Und dann nicht mehr. Bin ich verrückt, dieser Frau zu folgen ?

doggy dog and dog

doggy dog and dog

 

Am nächsten Tag ruft sie an und teilt mir mit, dass sie nicht kommen

kann. Das soll man so machen, sonst kann man sich nicht trennen, sagt sie.

Endlich begreife ich, sie will ihren Hund für immer bei uns los werden. Nach ein bisschen Eingewöhnungszeit selbstverständlich.

Ist er nicht absolut pflegeleicht ? Am Telefon redet sie über mich hinweg. Ich soll kommen und mit ihr was besprechen. Und sie redet permanent, damit ich nicht dazwischen sprechen kann. Ich soll ihr beim Aussteigen aus der Badewanne helfen. Und zwar zwei Mal wöchentlich. Sie hat Vertrauen zu mir, sagt sie und klar, dass sie jetzt nicht kommen kann. Und überhaupt. Sie wollen die Pflege privat regeln, ihe Tochter und sie.

Da wasche ich ihr den Kopf,- schließlich verlange ich eine anständige Summe Geld. Die Sprache versteht sie und will endlich nichts mehr von mir.

Nachher frage ich mich, was treiben mich nur die hochherrschaftlichen Herren um, wenn nicht auch die dazu passenden, niederträchtigen Damen. Wenn nicht auch das neue Jahrhundert, das immer noch tief im Sklaventum steckt….