Achim, oder heißt er Arne, ja Arne,- jetzt ist es schon wieder lange her, ich hätte schneller schreiben wollen und sollen und müssen, aber was, liebe Mutter, was noch ? Schließlich sind auch noch andere Dinge zu erledigen.- Arne also hat die Bedingung anerkannt und will auch dem anderen jungen Mann Beine machen. Zwischen halb sechs und viertel vor werden sie da sein.
Ich werde ausmessen und vorbereiten, wie besprochen. Aufgeregt bin ich, klar. Eine Frau in meinem Alter, die so eine Aktion ohne Erlaubnis in Bewegung setzen will, muss schon klar kalkulieren und darf sich auch mal fürchten. Zeig mir eine, die das nicht täte.
Ich rede mit mir selbst, als ich im Auto sitze und die Mauer suche. Ja, in Richtung Funkturm muss sie sein, aber diesmal fahre ich nicht nach Luftbild, nicht nach Ungefähr-Angaben von Freunden, nicht nach meinem Bauchgefühl, das sonst immer recht bekommt, ich will sicher fahren, Zeit sparen.-
Aber es kommt wie immer unter diesen Bedingungen. Ich verpasse eine Abfahrt, fahre im Westen herum statt auf den Osten zu, als ob ich nicht schon tausendmal da gewesen wäre. Reines Lampenfieber. Endlich steige ich aus, frage wieder und stoße auf Markus, den Mann aus dem Fahrradladen, der sich wirklich für die Aktion interessiert. Er bemerkt meine Aufregung, gibt mir einen Plan mit.- Danke Markus, sage ich noch einmal aus der Ferne. Vor Ort kehre ich mir selbst gegenüber Zweifel vor, als wollte ich meinem Ankommen mit aller Gewalt im Wege stehen. – Das ist dein altes Lied, dem du die Töne nehmen musst, – Ich höre wieder die Stimme der Heilerin von damals und weiß immer noch nicht,- oder weiß es doch, dass es mein Vater war mit seiner Formel: Alles, was du vorne aufbaust, reißt du hinten wieder ein,- mein eigener Vater, von dem ich mir immer noch den Weg verstellen lasse.
Nicht mehr, sage ich; komme über ein paar weitere Hin und Her – Bewegungen tatsächlich an.
Wie immer beschwärmen Touristen die Mauer. Derzeit keine weiteren Protestaktionen wegen des Luxusbaus dahinter, dessentwegen die Durchbrüche bei Nacht und Nebel passiert sind. Laster müssen schließlich Baumaterialien durch die Lücke transportieren. Und Protestleger dagegen protestieren. Ich eben auch. Mit einer eher verspäteten Mauer- Durchbruchsverhängung “ Durchbruch mit Baugenehmigung,“ wie ich später erfahre. “ Zeitgeistanhängsel “ denke ich und sage laut: “ Zeitgeldanhängsel, lache. Mein Hund motiviert Selbstgespräche. Und mein Alter. Ich darf das. Und weiter filzen im Hirngehege.
Lauter augenlos guckende Wesen, die Mauer entlang fließen.- Menschen, mit abgeschnittenem Sehen, bildmüllverstopft.Wüsste gern genau, wieviel Sicht uns nachts noch für die Träume bleibt. Wieviel mir bleibt, bin ja gleichermaßen verausgabt. Sollte mich jetzt nicht mehr mit Tugenden, sondern Ausmessen befassen.
Zwei Tore nahe beieinander, das eine breiter, das andere höher. Klar, dass der Zuschnitt meines Kartensammlungs- Teppichs nicht direkt passt. Kein Problem, denke ich, – kann gut mit Improvisationen umgehen.
Eine Reihe von unerlaubt, aber offensichtlich toleriert parkender Autos direkt neben der Mauer. Ich stelle meinen Transporter gleich oben an, direkt vor Bauabsperrungsutensilien, dahin, wo mit Sicherheit niemand stehen darf. Mal sehen, was passiert. Jetzt bin ich richtig da, lasse mich sogar beim Ausmessen filmen. Ja, ich habe gelernt.
Trotzdem friere ich vor Spannung. Der Wagen muss bleiben, damit ich am Morgen zur Stelle bin, voraussichtlich unausgeschlafen, mit fliegenden Nerven, möchte jetzt nicht mehr behindert werden.-
Mein Hund zwingt mich, die Vorausschau loszulassen, seiner Bedürfnisse wegen.Ja, sogar ich habe welche.-
Was klappt, denke ich, klappt, das andere klappt nicht.- Und,- Gut, dass der Hund dabei ist.-
Als wir zurück sind, steht nur noch mein Wagen da. Es geht auf den Abend, die Nacht zu.Ich bereite die Teleskopstangen für die Aufhängung vor, lege sie unters Auto,muss es riskieren, von der Polizei vertrieben zu werden oder eben nicht. Auch diese Nacht kann ich kaum schlafen, es ist kalt, wenig Platz neben dem Teppich.
Außerdem liege ich auf der Sorge, nicht früh genug aufzuwachen, habe natürlich keinen Wecker und will trotzdem nicht mehr auf meine Leichtigkeit verzichten. Es wird schon alles seinen Gang nehmen. –
Tatsächlich organisiert sich ein leichter Schlaf um meine Wachsamkeit herum. Niemand,der uns aufschreckt, keine Polizei. Ich wache sogar rechtzeitig auf, freue mich über den blau gewölbten Morgenhimmel über uns, klares Wetter.Jetzt müssen nur noch die Jungs kommen. Angst. Aber sie kommen.
Wir nehmen Gesichtsmaß, mehr Zeit ist nicht. Dann geht alles traumhaft Hand in Hand. Arnes Montage zum Hochhieven des Teppichs ist perfekt, der andere junge Mann eine gut Hilfskraft, Arne selbst ist zielsicher und ruhig in der Ausführung.
So hatte ich ihn mir vorgestellt, so hatte ich ihm meine Vorstellung von ihm vermittelt, und so hat er sich tatsächlich in die Wirklichkeit gesetzt. Magnetische Vorgänge. Ein in sich selbst ruhendes Bild und ein dazu passender Ablauf. Allein für diesen Zusammenhang, für diesen Teamtrip hat sich die Unternehmung gelohnt. Ich schwärme im Nachhinein über Solidaritätsgefühle wie zu alten Orchester- und Bauzeiten, es gibt kaum etwas Besseres für mich. Der Erfolg der Aktion ergibt sich daraus fast von selbst….