Samstagabend nicht zu vergessen: Sie hat den rosa Streifen am Himmel

 

gesehen. Sie zuerst. Lichtes Rosa, sagt sie, Es wird Sonne geben. Sie ist so zuversichtlich, dass mir nur der graue Rest bleibt. Harndrangsverhinderungsmedikamentenwerbung und Kochsendungen im nonstop Wiederholungsformat. Hier haben wir deutsche Nachrichten, neue deutsche Schneeankündigungen. Der Wetteransager singt seine Entschuldigung durch den Ather, Conferencier mit himmelblauem Schleifchen. Ich murmele was von dumpfen deutschen Frohsinnsdrangsalen, möglichst verhalten, um sie nicht zu ärgern. Gutes Wetter glaube ich erst, wenn ich es sehe, sage ich mit Blick in den Dauerregen.

 

Auch die Dame, die über Zyperns Wohlhabende berichtet,säuselt Mitempfinden

 

Die müssen jetzt nicht mit zwanzig, dreißig oder vierzig , nein, sie müssen mit sechzig Prozent Einbußen rechnen. Sechzig Prozent als Bankenzuschüsse, ein Jammer. Und sie blickt so übermäßig, dass ich sie auf den Arm nehme, um sie erst mal zu trösten. Aber im Grunde bin auch ich dankbar, dass die Sprecher uns das weltweite Mitgefühl wieder nahe bringen. Mit wem spricht man den sonst ?

 

Mit der rothaarigen Nachbarin um die achtzig vielleicht, die früher die Nociola-und Mandorle – Abteilung des Ortes fest in der Hand hatte. Sie trägt ihr rotes Mündchen wie alle Jahre. Ihr Laden ist inzwischen zugemauert. Natürlich wusste sie als Erste von unserer ausgebauten, eisernen Heizung, worüber sie fast geweint hat und vom kaum abstellbaren Wasser, dessen Haupthahn weder wir noch die Stadtverwaltung im Straßensystem finden konnten, mal abgesehen vom Klempner, der nicht kam und als er kam, alles vergessen hatte, auch unsere Schlüssel, womöglich irgendwo unter der Erde und am Ende sogar sich selbst, er kam dann gar nicht mehr. – Oder Rocco, der Sizilianer, dem ich als nicht Italienisch Sprechende einen Brief an irgendeine Straßenverwaltung aufsetzen musste, weil er nicht schreiben kann, aber sich doch stark genug fühlt, beim Tunnelbau mit zu arbeiten. Vor zehn Jahren hatte er nur wenig Zähne, jetzt noch weniger. Hier gab es nie genug Jobs und erst recht nicht für die Nachwachsenden. Die Jugend wird von früh an gut im Familiensystem versteckt, vorsichtshalber. Untereinander gibt es immer was zu werkeln, auch wenn die Schule nicht viel bewirkt. So ist das hier. Auch als Sprachunkundige blicke ich ganz gut durch. Der Pfarrer, der mit soviel Elan jeden Sommer die Jugendfreizeiten leitet, hat gestern nicht seinen Teppich ausgeklopft, wie sonst jedes Jahr. Auch den Pfarrern regnet es ab und zu ins Geschäft. Giovanni, der Lebensmittelmann um die Ecke, sagt, die Prozession ist auf Ostermontag verschoben, wegen des Wetters. –

 

Den Ostersonntagsspaziergang in voller Sonne haben die nicht vorher gesehen. Aber uns ist er sicher. Sie hat Recht gehabt mit ihrer Prognose. Innerhalb von zwei Stunden, ich sehe genau hin,- innerhalb von zwei Stunden ist die Wiese an der Kapelle voller Männertreu. Ein blaues Band im hellsten Sonnenschein. Sogar ein paar Schlüsselblumen sind dabei, Gänseblümchen wie gehabt…. Daneben Spuren im Kies. Gemeindemitglieder werden die Monstranzen geholt haben. Jetzt ist niemand zu sehen.

 

Gewöhnlich bemühe ich mich nicht sonderlich um irgendwelche Gesprächsfloskeln mit den Leuten, außer für Giovanni. Die Alleinstellung als Deutsche, oder sogar als Wesen neben der Spur gefällt mir ganz gut. Ich sehe noch einmal hin: Tief eingegrabene Kiesspuren. Da muss etwas mit Leibeskräften abtransportiert worden sein. Ohne Wagen womöglich.

 

Meiner Phantasie die Zügel angelegt,- besser so.

 

Dann der gemeinsame Gang zum Aquädukt, mit Frühlingsladung um uns herum, Frühling wie gehabt und doch neu bis in die Poren. Die Italiener allerdings gehen brav spazieren, als wenn nichts wäre.

 

Keine weiteren Gedanken an irgendwelche verdächtigen Spuren oder Untergrundbewegungen in unserer Nachbarschaft. Dass Matteo vom Baugeschäft immer noch Genehmigungen bekommt, wo er sie will und niemand außer ihm sie genießen darf, ist so klar wie die Bedürftigkeit der Gemeinde selber.

 

Zum Glück muss ich mir keine Sorgen um die Ortsgeschäfte machen, um die junge Frau aus dem Haushaltsladen, der schließt, nachdem deren Mann auf einmal weg ist und der Laden auch, dafür aber ein neuer Mann an seiner Stelle und das lange ersehnte Baby auch. Und der Dessous- Laden der Bürgermeisterin, über die man sich erzählt, dass sie gelegentlich ihre Artikel selbst vorführt, was ihr mir gegenüber bestimmt nicht einfallen würde.

 

Mir gegenüber behalten sie alles geheim. Nur während der Dorffeste im Sommer kommt mal was raus. Was wer mit wem hat vor allem, wobei die Geschäfte unter der Hand sich als neue Landmaschinen, Autos, Miethäuser und dergleichen sichtbar machen, wie üblich und wie überall auf der Welt. Langeweile,- sage ich laut. – So selten, wie wir spazieren gehen,- meint sie daraufhin. -Langeweile, sag ich, ist, wenn du was Spannendes erfinden musst, um dich am Leben zu fühlen. – Na, sagt sie,- die Sonne ist jetzt wohl spannend genug . – Sage ich ja.- Dass du auch über alles streiten musst, beweist mal wieder, was ich dir immer sage: Man müsste dich mal für Wochen, wenn nicht Monate auf dem Sofa festbinden, damit du wieder deine besondere Begabung bemerkst, dich in jeder Lebenslage wunderbar zu unterhalten.- -Dein Glück,-antworte ich,- du drückst es positiv aus.- Zuhause bevorzuge ich mehr Wissen über koscheres Essverhalten, was mir mein Freund, der Fernseher mühelos vermittelt.- Also doch,- meint sie beim Ofenanfeuern, was sie nicht lassen will,- also doch auf dem Sofa festgebunden. – Soll sie denken, was sie will. Nebenan, auf der anderen Straßenseite schreit der alte Nazikopp seine Hunde an. Oder die Nichten. Man hört es durch mehrere Wände hindurch.Es schallt durch die ganze, ehemals aristokratische, mittelalterliche Gewölbe- und Schlossgegend.

 

-Kein Wunder, sage ich, wenn ich mich gern von Sofa zu Sofa bewege. Das ist sicherer, als mich diesen Schattengewächsen auszuliefern.- Die letzten Worte sind für mich selber, wie ich da hinterm Fenstervorhang in unserem neuen Bücherzimmer, den Nachbarn direkt vor der Nase habe , und Zeuge werde, wie er da eine Figur schiebt und wuchtet. Oben in der zweiten Etage, aus dem Zimmer über den Balkon auf die Veranda, zu der ich Einblick habe. Eine übermenschenhohe Holzfigur, oder sollte es Wachs sein, oder Gips, mit kitschig menschlichen Zügen ausgestaltet und wie er sie in einen Verschlag schiebt, ihr aber vorher einen Überwurf umhängt, ich sehe es genau.

 

Ich schleiche mich zum Sofa zurück. Wirklich, ich schleiche. Lieber hätte ich das nicht gesehen. – Diese Italiener, sagt sie, benehmen sich hier so geschwungen geheimnisvoll wie sie hinfällig sind. Zum Aussterben hinfällig und überflüssig.- -Genauso überflüssig wie wir selber es sind.- So einen langen Satz,- Halbsatz,- werfe ich ein,- so einen langen Halbsatz hast du seit Ewigkeiten nicht mehr gesprochen, sagt sie- – Was wir so Ewigkeiten nennen.-

 

Ich warte auf Montagmorgen, kurz vor Mittag, auf den großen Umzug. Abends, in der Kneipe erfahre ich, sie sollen aus allen Dörfern rundum zur Prozession kommen, weil sie das hohe Fest nur noch konzentriert, jedes Jahr in einem anderen Dorf feiern.

 

Oder hat die Inflation auch die katholische Kirche in der Provinz erwischt ? An diesem Ostersonntag habe ich von unserem Balkon aus viele Leute die Kirche betreten sehen, tropfenweise nacheinander. Das aber nur für einige Minuten und irgendwann. Ich sehe sie ihr Portemonnaie ziehen, Geld einwerfen, einen kurzen Knicks mit Bekreuzigung veranstalten und wieder gehen. Ein paar Meter heiligen Boden unter den Füßen fühlen, das Osteressen einnehmen, Familie feiern und aus. – Deiner Phantasie, sagt sie, sind keine Grenzen gesetzt.- Dabei habe ich ihr nichts von meinen Gedanken erzählt. –

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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