IMG_0181Abreisetag, ich bin aufgeregt und nachdenklich gleichzeitig. Was bleibt, was ist erreicht, was habe ich gelernt ? Ich zeige Nena, der feinen Ägypterin das Soldatenvideo, hier nicht verzeichnet. Es ist penetrant und packend gleichzeitig. Sie lacht laut, als ich zum Kommandeur sage:- I´M A FREE WOMAN, AS FREE, AS YOU ARE ! Die Tagebuchnotizen von gestern sind weg, wohl im I-Pad festgeklemmt. Eine füllige Reisende erzählt von zwanzig erschossenen Kindern. Das glaube ich nicht. Von Soldaten erschossene Kinder, hier in Kairo ?

Ich will nicht nachdenken, erfahre erst zuhause von der amerikanischen Schulkatastrophe.

Erlebnisfetzen, Zusammanfassungen, Lernstücke im Kopf:

Was hat Nena zum Video vom ersten und letzten wirklichen  COOP.WALK in Kairo gesagt, als sie Sahira sah ? “ Die kenne ich, die ist Journalistin. Die hat wie verrückt geweint und geschrien,  als ein Freund, auch Journalist, auf dem Tahrir Platz erschossen worden ist.“

Jetzt wird mir alles klar. Sahiras Art, den COOP.WALK in die Hand zu nemen und in Gang zu setzen. Eine Souveränität, die ich bisher noch nicht erlebt hatte. Dann ihre knappen Antworten über die Revolutionäre, ihr Ausweichen gegenüber meinen Fragen zu ihrer Person, zu meinen Feststellungen über ihre Kraft, die so ganz anders war, als die der anderen Frauen.

Ich habe ein deutsches Buch über islamische Staaten und Frauen im Islam gefunden, verschlinge es schnell noch. Uneinheitliche Zustände in Revolutionen, Umstürzen und sich etablierenden Verhältnissen, deren Hintergründe ich kaum verstehe. Was ich aber nachvollziehen kann: Die Frauenrolle, Umgang mit dem Schleier, mit mehr und mehr überlegenem Können und Wissen. Ein coming out mit neuen Verschleierungen. Frauen in überlegenen Positionen, die totzdem den Schleier über ihrer Existenz  nicht abwerfen und sehe wieder die Frauen von Kairo vor mir: Verschleiert fast allesamt. Wenn sie es nicht sind, sind sie christlich geprägt.

Ich lese, dass ihnen noch so große Kompetenz nicht aus der Unterlegenheit heraus hilft. Beschneidung in vielen Machtbereichen ist die Folge.

Ich blättere in meinen eigenen Kairoerfahrungen nach. Die wilde Frau, nach dem Inszenieren des halb verunglückten, ersten COOP.WALK mit den drei jungen Frauen, denen die Jungen den Weg versperren. Die Frau, die schreiende, mich körperlich angreifende Frau, die mich davon abgehalten hat, den COOP.WALK mit den jungen Männern entlang der Garffiti aufzuführen. Dann die schwarz Verschleierte, die mich vom Platz zu drängen versucht, aber erst, als sie mir eingebleut hat: “ Wir halten alle zusammen, schreiben Sie das. Alle Ägypter halten zusammen, sobald sie angegriffen werden. Dann gibt es keinen Unterschied zwischen den Religionen. “ Diese Wut werde ich nicht vergessen. Hass und Wut im Blick. Männer haben mich nicht bedroht, aber Frauen. Frauen, die hinter mir waren und ihren kleinen Jungen nicht verboten haben, mit Steinen nach mir zu werfen oder den größeren, mich mit Stöcken zu berühren.

Herausforderne, neugierige Blicke von ganz jungen Frauen. Lodernde, empörte Blicke oder kalte, erstorbene. Augen, die „zu Leibe gehen.“ Ich warte und drücke es dann doch aus: Vielleicht sind sie es, so stolz sie sich auch als echte Islamistinnen fühlen, die die Demokratisierung einer Gesellschaft verzögern und sogar unmöglich machen, weil sie sich nicht selbst demokratisieren, so sehr sie sich auch ausbilden. Mit Folgen für Kinder und die ganze Gesellschaft.

So stolz sie auch seien: Die lebenslange Unterdrückung von islamisch geprägten Frauen ist keine Forderung des Koran, sondern eine tradierte patriarchalische Auflage und Selbstauflage. Die abzuwerfen wäre mit einiger Übung leicht. Allerdings muss jede Frau allein durch die Tür gehen. Es hilft ihnen niemand. Für uns westliche Frauen gilt dasselbe. Ich behaupte also nicht, dass Frauen der europäischen Gesellschaft derzeit wesentlich befreiter wären. Sie unterwerfen sich nur anderen Auflagen. Für uns westliche Frauen gilt breitgestreut Ähnliches, nur ist unsere „patriarchalische “ Auflage die Religion des Konsums in jeder Form. Ich bin gespannt, ob ich ein individuelles, gesellschaftsprägendes Coming out von Frauen in unsere Zeit noch erlebe.

Letzte nette Erlebnisse mit einem ebenso wie ich verschnupften jungen Mann und ein vorläufiger Abschluss. Es ist so, wie es ist, hier wie da: Übergang.

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