Aufwachen mit Herzklopen. Heute bleibe ich einfach im Bett liegen. Die vergangenen Tage im Kopf bearbeiten, vor allem den Tag gestern.- Vielleicht noch ein paar Karten malen für Leute, die mich drum gebeten haben.

Ich baue Malsachen, Wasser, Karten und wichtige Unterlagen um die Zudecke herum auf und lege mich dazwischen, zum Nachdenken und „Gleichzeiten“, wie ich es nenne. Das kann sonstwas sein, diesmal eben zeichnen.Eigentlich wollte ich schon nach dem dritten Tag Moskau wieder weg. Bloß weg aus dieser Rotgoldklötzchenstadt auf uferlos tristem Klotzgrau. Moskau, der Moloch, hat jemand auf facebook geschrieben. Das trifft es genau.

Im Kopf rührt sich ein riesiges Durcheinander, das sortiert werden muss.Bleibt einiges nachzutragen. Mein Gönner, so nenne ich ihn jetzt, hat mir im Anfang sein Handy mit Videoaufnahmen gezeigt. Darauf bin ich zu sehen, wie ich Leute für den COOP.WALK zu gewinnen versuche und meistens auch gewinne. „ Aufwiegelung gegen den Russischen Staat. „ hat er das dazu gesagt oder habe ich mir die Worte aus Angst eingebildet ? Ängste sind Brandmarken im Kopf, die das Hören und Sehen blockieren, ich weiß. Und ich weiß auch, dass ich vorwiegend geschwiegen habe, nach meinem Vorsatz und dem Rat des chinesischen Geschäftsmannes. –Jedenfalls wollte er, dass ich seine Geschichte haarklein erfahre. Sie ist zum Teil zwischen meinen vorkehrenden Gedanken versickert . Jetzt hole ich sie wieder heraus, soviel ich davon erwischen kann.

Erinnerungsbrocken über seine Eltern, Großeltern, Schule und Parteiarbeit in Jugendgruppen. Ich höre Anpassungen über Anpassungen, die seine Großeltern als Bauern ohne besonderen Ehrgeiz nicht leisten mussten. Anpassungen in der Duma und in Berliner politischen Kreisen, wo er wahrscheinlich als Spitzel gearbeitet hat. Alles mir vor die Füße geworfen und doch nichts Genaues ausgepackt, so ist es bei mir angekommen.

Angefangen hat alles damit, dass ich als Wachmann gemeinsam mit einem Freund im „GUM“ gearbeitet und Uhren gefälscht habe, Cartier Uhren. Eine simple Gaunergeschichte, die nicht aufgeflogen ist. Über Producer in Taiwan haben wir eine Riesenproduktion in Gang gesetzt .Weitere Produktionen waren die Folge und gingen dann ganz leicht. Immer war Imitation im Spiel und nachher auch Korruption. Wir sind reich dabei geworden. „Ich sehe ihn grau werden und seufzen, was für mich mehr bedeutet , als seine Geschichten. Dann seine beißenden Augen.

Ich sage Ihnen, einmal im Geschäft, können Sie bald nicht mehr unterscheiden, was Korruption ist und was ganz normales Geschäft. „

Und dann sehe Ich ihn zögern, mich ins Auge fassen, als ob ich was gesagt hätte.

Ja, das betrifft genau so politische Geschäfte. Da gibt es keinen Unterschied. „

Betrifft das auch die Qualität anderer Erscheinungen wie die der Erinnerung, „

Kastenhaushauskastenerinnerungenanein bildungenanerinnerungen

 

Das denke ich hier in meinem Bett einen Tag später. „ Und wo ist die Grenze zwischen augenblicklicher Deutung und Wirklichkeit, zwischen Wunsch und Erfüllung, Angst und unausweichlicher Folge in der Realität, zwischen gestern und heute oder irgendwann in der Zukunft ? Um auf der Stelle meine Gedanken zu hüten, schlafe ich noch einmal ein. Im Aufwachen sehe ich meinen Gönner direkt wieder vor mir:

Jetzt jedenfalls beschäftige ich mich mit Kunst, oder was davon übrig ist. Darin fühle ich mich endlich frei. Ich habe mich mit den neuesten Bewegungen nach Beuys befasst, kenne Künstler und Kunstrichtungen, aber lasse mich noch lange nicht von irgendwelchen Moden beeindrucken. Ich bin wirklich so frei, mir selbst zu erklären, was Kunst ist.

In der Kunst ist genauso Korruption wie überall sonst.. „

Ich weiß, ich weiß und darum kommen wir ins Gespräch. „

Da liege ich in meinem Bett, kritzele auf den Karten herum und kritisiere jetzt schon die Erinnerung an gestern.

Eigentlich glaube ich dem Mann nicht. Jemandem, der soviel Dreck am Stecken hat, dem kann man nicht glauben. Aber was, wenn dieser Dreck auch zum großen Teil erfunden ist ? Es kann ja immer alles erfunden sein. Nur einiges nicht. Zum Beispiel das, dass ich hier und jetzt ganz unabhängig liege und sogar aufstehen kann. Es wird sich herausstellen, ob dieser Mensch meine Arbeit wirklich kaufen will, oder nicht. Kontaktmann für die Abwicklung des Kaufs soll Boris B. sein, den ich schon kenne. Ich schwinge mich aus dem Bett, es ist gegen Mittag. Auf einmal habe ich heftige Bedenken, dass ich es übermorgen schaffe, früh genug aufzustehen.

Altersschwäche, sage ich mir und will mir meine Energie noch einmal beweisen, gehe also los. Diesmal in die entgegengesetzte Richtung, vom Zentrum weg. Der Administrator hat mir gesagt, dass ich nicht weit entfernt einen Markt finden kann. Ich gehe also und gehe, aber unter freiem Himmel ist da nichts. Als ich mir den Plan abstreife, gehe ich leichter.

Eigentlich möchte ich darüber nachdenken, was ich als nächstes angreifen soll, zu Hause. Aber es gibt noch Gegenwärtiges. Gestern ein neuer Hostelgast. Er hat eine einjährige Weltreise durch den arabischen Raum hinter sich, ist Franzose aus der Bretagne und arbeitet bei der Eisenbahn. Sein Plan: Fortbewegung nur zu Fuß oder mit der Bahn. Ob er damit eine Untersuchung für seine Arbeitgeber verbunden hat ? Nein, sagt er, die Reise hat er sich zusammen gespart und konnte sie unternehmen, weil er zwar eine Frau, aber noch kein Kind hat. Ich hätte gern mehr gewusst, aber der Mann ist dauernd unterwegs. Ob er sich verändert hat ? Die Frage habe ich gestellt, aber nicht beantwortet bekommen. Was mir aufgefallen ist: Dieser Mann sieht offener um sich, als andere. Wie es scheint, nimmt er eifrig auf, aber wenn man ihn fragt, geht er schnell weiter, will nicht abgeben. Er ist Welt- nicht Selbsterforschungseisender. Seine Habe ist zünftig im Rucksack verstaut, seine Notizen als Fotos im Internet. Ja , und mit der Transsibirischen Eisenbahn ist er gefahren, was meine Kinder sicher auch gern täten. –

Ich selbst pendele jetzt aus, würde gern noch COOP.WALKs sammeln, merke aber, dass „ der Erfolg „ mich durcheinander gebracht hat. Ich begreife ihn noch kaum, weiß nur, – diesmal werde ich das Angebot annehmen, diesmal werde ich nicht wieder zurückweichen, nur, um „frei „ zu bleiben, wie ich es bis jetzt vor allem sein wollte. Die Rückblenden gehen weiter. Zuerst der Mann mit der unpassenden Kappe, der jetzt mein Partner sein will, dann der weise chinesische Geschäftsmann, verschmolzen mit dem Bild des Chinesen aus dem Hostel und der arme alte Mann am Metro Augang, der mir einen echten roten Apfel entgegen gehalten hat. Einen so unerwartet echten knallroten Apfel, offenbar von einem echten ländlichen Apfelbaum,- dass mir sie Tränen in die Augen geschossen sind und ich habe ihm alle abgekauft, alle Äpfel, auch wenn ich nicht wusste, wo ich sie hin stecken sollte.-

Ich gehe und gehe. Allein die Bewegung tut gut.

Auf einmal treffe ich auf einen Park. Ein unerwartet schönes, eingeschaltetes Stück Natur, das mir bisher gefehlt hat. Ein herrlich herbstlicher Mittag. Inzwischen hat sich das Laub leicht gefärbt. Ein Baum ganz gelb, sieht genau so aus wie der einzige Baum in der Gegend des Roten Platzes: Der Plastikbaum im Kaufhaus GUM.

ein eingestanztes Stück Natur zwischen Fangarmenstraßen

 

Das Teehaus auf dem kleinen See, die Bänke drum herum, die restlichen Bäume, die Menschen, alles wirkt fast natürlich. Einige Leute sitzen auch am Nachmittag noch da. Nachdem ich mich ausgeruht habe, ziehe ich weiter, am Nobelhotel vorbei in schmaler werdenden Park, Stellagen umsäumt mit Jubelfotos von der Olympiade in Weißrussland und lauter werdender Straßenbegleitung. Ganz am Ende, vor einem Denkmal, eine Gruppe Jugendlicher. Es sind französische Schüler beim Imbiss. Wenn ich noch gut genug im COOP.WALK Fluss bin, werde ich sie ansprechen können. Ich versuche es, aber leider dauert es zu lange, bis ich ein Demo Video finde. Das Handy ist blockiert. Neben mir hat sich ein Russe aufgebaut, der ebenfalls auf die jungen Leute einspricht. Ich fühle mich dumm und schwach, wie vorhergesehen, halte noch durch, gebe dann aber auf,- denke, auch der Rückzug ist eine Kunst.

Gleichzeitig weiß ich, das ist das Phänomen: Wenn du dich von deiner Mission abhängst, und sei es nur für Minuten, kannst du nicht erwarten, ansteckend zu wirken. Auf dem Rückweg will ich noch einmal wissen, wie und ob ich in meinen Strom zurückkehren kann. Tatsächlich gelingt es mir wieder, einige Ökonomie Studenten in den Bann des COOP.WALK zu ziehen. Eins der Videos, die nachher verschwunden sind. Unterschwellig bin ich schon mit Zuhause beschäftigt, aber ich begegne noch so vielen herbstwarmen, fröhlichen Menschen, dass ich es nicht lassen kann, mit ihnen gemeinsam ein Stück zu gehen. Das meint ja der COOP.WALK. Immerhin sind es jetzt, nach einigen Verlusten, doch fünfzehn COOP.WALKs. Eine Gruppe spielt mit theatralischer Verkleidung, die letzte feiert einen Geburtstag und hat Lust, zur Musik am anderen Ende des Parks zu tanzen. He, Alte, sage ich mir, sei nicht so verklemmt, bemerke mal, dass du selbst an all diesen Facetten Spaß hast. Ja, ich bemerke. Die Bauarbeiter auf dem Rasen, die offenbar den ganzen Tag nach irgendwelchen Rohren suchen mussten, haben geguckt und geguckt und mich schließlich gefragt, was das denn soll. Antworten konnte ich ja nicht. Also habe ich sie nehmen und auch ein bisschen schieben wollen, was nicht sehr sinnvoll war. Blieb die Zeichensprache und ein weiteres Lachen hin und her.Der COOP.WALK in der Hostelküche und dann, nachgeholt, auf dem Flur war von all den Lachkisten der Hit Du kannst, sage ich mir, aber du musst nicht alles wie verrückt ernst nehmen, dann wirst du auch nicht verrückt davon.

Auf jeden Fall war ich in Moskau so sparsam, dass ich auch noch kleine Mitbringsel besorgen konnte: Russischen Bienenhonig in ganz kleinem Glas und zwei Mützen für Jim und meinen Mann und für Daniel als Einstand in seinen neuen Lebensabschnitt, kleine, altmodische Kaufmannsladenpapierchen für Kinder: Die Travelers Cheques. Mal sehen, ob er was damit anfangen kann.

Nachtrag zum Schluss. Jedenfalls zum Schluss der Moskaureise. Als ich da völlig übermüdet, weil viel zu früh aufgestanden auf Warteposten im Vorraum vom Vorraum zu einer Körper- und Pass- und Gepäckkontrolle nach der anderen sitze,vorm Abflug, kommen mir zwei sich windende Polizisten entgegen. Zwischen sich einen sehr weißhäutigen jungen Mann mit flammend roten Haaren. So flammend rot, wie der beste Redner der Demo, der den meisten Applaus entzündet hat. Sie nehmen ihn fest. Dieser junge Mann jedenfalls wehrt sich nicht, schaut bewusst und geradlinig, wie jemand, der wusste, was kommt. Und an seiner Statt winden sie sich, die beiden Polizisten. Ein grotesker Anblick.

Hätte ich im Moment des Sehens zünden können, das Handy ziehen und schießen, nur etwas schneller zünden und schießen, wäre ich einem der Moskaurätsel näher gekommen. Unter Umständen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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