Ich habe eindeutig zu wenig geschlafen. Um sechs Uhr morgens werde ich mit rumorendem Magen wach, bin aber erst gegen drei Uhr eingeschlafen. Bis neun halte ich es noch im Bett aus, dann muss ich aufstehen, in die volle Sonne. Ich bin zerschlagen und kribbelig auf einmal, esse Müsli für morgens und mittags auf einmal. Dann los. Diesmal in weißer Bluse mit grüner Weste und schwarzer Messingnietenjacke. So passt es mir. Was heute ? Ich könnte die Journalistenuni hinterm Kreml erkunden oder mich über die Moskwa zur andern Seite hin schlagen. Zurück finde ich wohl, das Kreml Gelände ist von weitem zu sehen; ich kann das Auf und Ab zuordnen. Noch einmal kurz in die Kapelle, dieses zauberhaftüberschaubare Bauwerk.Heißt sie nicht „ Mariä Grablegung? „Heute sehe ich, es sind auch Geburtsszenen dargestellt. „Mariä Verkündigung“ wird sie erher heißen. Nachsehen werde ich nicht.. Ich studiere aber genau, warum ich keine seriösen Christus- oder Jünger oder Kirchenältestengesichter zeichnen kann. Ich sehe, sie alle haben nur Mündchen mir herabziehenden Bärten. Sie schauen ernst und stehen aufgerichtet. Wenn sie sich neigen, neigen sie sich seitlich, niemals nach vorn. Bis auf Maria natürlich, die Dienende. So einen mild- hoheitsvollen Jesus mit Augenhof kann jeder zeichnen und damit auch den Rest der Sippe. Gold dazu und die Heiligkeit ist perfekt. Ich bleibe an einem Gottesbild mit Jesus auf dem Schoß hängen. Ein Tafelgemälde.

Dieser Gott mit ursprünglich angesetztem und, wie es scheint, noch überzogenem jüdischem Stern im Heiligenschein, hebt die Hand mit erhobenem Mittel- und Zeigefinger, Ring- und kleiner Finger werden von der Daumenkuppe aufgefangen. Das erwachsen wirkende Jesuskind auf Gottes Schoß hat zwei Hände erhoben, die Finger in ähnlicher Haltung, allerdings sind die Finger nicht mit der Daumenspitze zusammengeführt, sondern nur ans Gelenk des Mittelfingers gelehnt. Bedeutungsvoll oder zufällig ? Ich mache mir Gedanken und fotografiere heimlich, bis eine Babuschka mich rauswirft. Als ob ich das nicht wüsste: Hier darf man nicht fotografieren.- Aber weiter denken.

Der Verkündigungsengel hält immer drei Finger in die Höhe wenn er Maria, die Mitteilung ihrer Empfängnis macht. Drei göttliche Gestalten auf einem Bild, Vater, Sohn und Heiliger Geist, Maria, die Dienerin gehört nicht dazu. Die übliche, Frauen benutzende und raus werfende Gesellschaft, die sie damals war und heute noch ist. Auf den Stufen der Kapelle sitzt ein zeichnender, kleiner Mann mit freundlichem Gesicht. Ich spreche ihn an . „ Was soll ich schon zeichnen ? „ sagt er . „Was ich angucke natürlich.“ Er spricht zunächst Englich, dann Französisch, war Architekt. Aber mit der Computerei wollte er nicht mehr fertig werden. „Außerdem kann man in der Architektur heute nichts mehr bewirken, vor allem keine eigenständige Architektur mehr, „ was ich über meine Architektentochter bestens weiß… Ich werfe ihm mein Skizzenbuch hin, lauter wirbelige Zeichnungen. Er scheint beklommen, wohl vor allem darüber, dass ihn eine Framu angesprochen hat. Ich möchte mich nicht weiter mit seinen Augen betrachten und drehe mich zum Gehen, da nähert sich ein Schatten von der Seite. Ein Mann in grauem Anzug.Geschäftsmann. Es ist der Mann mit der Kappe. Jetzt ist er da, wie ich es erwartet habe. Hinter seinem Lächeln eine Härte, der ich lange nicht mehr begegnet bin. Nur in Barcelona vielleicht.

Gestern habe ich Sie vermisst. „ „ Ich war aber da und wieso haben Sie mich vermisst ? „ Was Sie da machen, sieht der Geheimdienst nicht gern. „ Eine heiße Welle in meinem Gesicht, von Bauch und Rücken aufsteigend.

Mais maintenacnt je dois m´en aller .. „ Der Architekt will sich zurückziehen.

 

C´est ce que je dois aussi. „ Ich sehe, Sie haben einen Begleiter gefunden, aber ich werde Sie wieder treffen. Der im grauen Anzug mit Kappe lächelt sein beißendes Lächeln, in dem die Nadeln stecken. Jetzt gehe ich doch noch eine kleine Strecke mit dem Architekten, der mir von Quebec erzählt und von seinen Methoden, sich jung zu halten. Endlich gebe ich ihm meine Karte und schlage einen Bogen zurück, der Graue müsste jetzt weg sein, will über die Moskwa, wie vorgehabt , an der Basilika vorbei in den anderen Teil der Stadt, aber ich bin zu zittrig, zu durcheinander, zu müde. Dieser Architekt hat doch tatsächlich gesagt, auf der Postkarte, die ich ihm geben wollte, sähe ich jünger aus. „ Und in fünf Jahren werde ich älter aussehen, als jetzt, „ hätte ich sagen sollen. Männer sind manchmal noch blöder, als Frauen mit ihrem Jugendwahn.

Und dann, als ich an den Grauen denke, will ich nirgendwo mehr hin: Wenn dieser Mann wirklich vom Geheimdienst ist, werde ich bald die rote Karte gezeigt bekommen, im Grunde wie erwartet. Deswegen war ich wochenlang vor der Reise nervös gewesen.Jetzt ist es also soweit. Für das Hostel ist es noch zu früh, aber müde bin ich trotzdem. Einige junge Leute liegen auf dem Rasen, die Bänke sind ohnehin besetzt, es ist richtig heiß. In meinem Kopf klumpt alles zusammen. Das Rätsel der Tafelbilder mit dem Geheimnis dieses seltsamen grauen Menschen,- offenbar Deutschrusse.

Wenn er mich gestern vermisst hat, muss er mir aufgelauert, mich schon vorher beobachtet haben. Im Grunde habe ich das bemerkt. Und es wird für mich kein Entkommen geben. Hatte ich über facebook nicht laut und deutlich und immer wieder meine Moskaureise bekannt gegeben ? Reaktionen hat es genug gegeben , und nun das. – Wenn es denn so sein soll, werde sie mich abschieben und das war´s. Mir ist heiß und leicht schwindelig. Es wird nicht zu vermeiden sein. Ich lasse mich auf dem Rasen nieder, döse in die Luft, sehe einem kleinen Jungen zu, wie er versucht, einen Drachen in die Luft zu bringen, denke an meinen Enkel. Ein junger Mann formt aus einer Zeitung eine Tröte und trötet damit duch die Gegend. Subversion. Und werde ich von der Stelle weg gemäht. Ein Rasenmähermann hasich die Stellen um die Bäume herum und mich vorgenommen. Hier sitzt man nicht auf dem Rasen. Die anderen Rasenbesitzer werden gleich mit entfernt . Hier sitzt man auf Bänken, eine neben der anderen. Vor der Kremlmauer jetzt juge, sehr junge Soldaten im Stechschritt. Und grünen Uniformen. Ich sehe, wie die Ordnungshüter energischer werden, weil eine Gruppe nicht so schnell spurt.

Ich kann gar nicht so schnell denken, wie ich da bin, mich den jungen Leuten vorstelle , nach ihrem Englisch frage und, ob sie Lust haben, den COOP.WALK mit mir zu gehen. „ Ein Spiel für die Freiheit mit mir machen, „ sage ich. Es sind fünf junge Russen. Drei von ihnen haben sofort Lust. Sie verstehen schnell, was wohl dieser besondere Zusammenhang macht und der Hinweis auf die Beatles Worte… Dass es Beatles Worte sind, habe ich erst hier, in Moskau herausgefunden. Ebenso das schnelle Anklicken als Reaktion. Die Beatles kennt hier offenbar jeder junge Mensch. Sympathie, ja Begeisterung ist sofort da. Die jungen Leute greifen nach den Schildern, ordnen sich ohne meine Aufforderung Worte zu. Es geht so schnell, dass ich kaum mitkomme, – war ja auch voher weit weg gewesen… Diesmal lasse ich andere filmen, damit die jungen Leute das Video einstellen können. Ich filme auch, aber nachher ist das Video weg. Ich war einfach noch nicht ganz da… Womöglich war dies der letzte COOP.WALKin Moskau. Ih sehe zu, das ich weg komme, aber kann nicht wirklich schnell laufen wegen meiner Müdigkeit. –

Soll kommen, was will, sage ich mir endlich, es wird mich schon nicht umhauen. Als ob ich mir das auf der Stelle beweisen müsste, gehe ich doch noch in Richtung Moskwa, an der Basilika vorbei. Seitlich vor der Brücke, auf einer riesigen freien Strecke, dekorativ vor den Türmen aufgebaut, ein Brautpaar. In passender Entfernung die dazu gehörige Fotografin.So ein blödes Foto möchte ich mir gönnen. Ich laufe hin, fotografiere die Gruppe mit Fotografin und mache mich lustig, denke, na ja, die werden auch noch sehen, was Eheglück bedeutet usw. Die Fotografin dekoriert immer wieder neu, was das Hochzeitspaar genervt haben mag. Schließlich bitten mich die beiden zu sich und nehmen mich in die Mitte, mich hochnäsiges Gespenst von Besserwisserin, die Fotografin nimmt mich mit meinem Handy auf. Ein Geschenk vom Brautpaar für den einzigen Hochzeitsgast. Ich schäme mich kräftig und tue nachher Schritt für Schritt Abbitte. Wieder einmal muss ich begreifen, dass ich nicht anders bin, als der Rest der Menschheit. So alltäglich und besonders, wie jeder andere. – Leider sind die beiden Fotos weg, wie so viele andere. Weiter geht’s über den Fluss und wieder einmal laufe ich einer Kirche hinterher, die sich nicht erreichen lässt. Endlich tut sich ein Gelände auf mit dieser Kirche und fein angelegtem Gefüge drum herum, wohl auch einer Schule, vor der Kinder spielen. Die ganze Gegend erinnert mich an Berliner Bezirke, die ehemals schön und in sich versponnen, neu vermarktet werden, das heißt, auf Geld wirksame Weise Neureichen zur Verfügung gestellt.- Ich sehe sorgsamen Wiederaufbau mit Flair, finde meine Beobachtung bestätigt, habe keine Lust, zu bleiben. Zurück mit müden Füßen und kurzem Schlaf auf einer Parkbank.

Jetzt fühle ich keinen Schrecken mehr im Nacken. Fünf COOP.WALKs habe ich veranlasst und dokumentiert, soll doch passieren, was will. Für den fünften war ich nicht wirklich aufnahmebereit., was auf den feinen Herren geht.- Falls dieser Mensch noch einmal auftaucht, werde ich mich mit ihm auseinander setzen. – Und ich bin sicher, er wird wieder auftauchen !

Brautpaare vorm Kreml. Eines mit mir vor der Basilika. Es ist weg, wie andere auch.

 

 

 

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