Nachts bin ich öfter wach, wegen verstopfter Nase, verschleimter Kehle, Erkältung. Ich will die Mitschläfer nicht stören, versuche nach innen hin weg zu schniefen. Die Nepalesen sind gemeinsam in eine andere Bleibe gezogen. Auseinandersetzungen auf dem Flur. Sie müssen die gebuchte Zeit trotzdem zahlen.Tun sie auch. Sie sind gefügig, wie andere nicht. Mein Mitleid ist begrenzt. Sie scheinen längst Anschluss an Arbeitsmöglichkeiten gefunden zu haben. Vielleicht deswegen ihre Ausgeglichenheit. –

Jedenfalls habe ich sie noch einmal essen sehen : Hühnchen mit Reis und Fisch mit Reis, sie haben mir auch etwas angeboten.- Wie die Kinder, so glücklich waren sie dabei. Überglücklich und alles andere vergessen. Jetzt sind sie weg, andere dafür da. Zwei Mädels aus Stuttgart über uns, im anderen Hostel.

Menschen rieseln ein , rieseln aus, . Ich habe vergessen, genug zu trinken. Tee, immer wieder Tee,- das hole ich nach und schlafe wieder. Dann Müsli wie gehabt und raus in die Sonne, nur raus, kaum zu glauben, wie

die Sonne scheint.

Gestern noch habe ich mich schlau gemacht über die Sehenswürdigkeiten, die man hier zu Fuß erreichen kann . Den Alten Arbat will ich durchlaufen und muss dazu über den Roten Platz, den Kreml und dann weiter fragen.

Aber die Basilika am anderen Ende des Roten Platzes zieht mich wieder an.

Soll ich reingehen ? Ich fotografiere sie noch einmal von allen Seiten und entdecke mich endlich als Touristin unter Touristen. Draußen sehe ich mich bezaubert und verständnislos gleichzeitig gucken, wie alle anderen auch. Ob ich hinein gehen soll ?

Dies sollte mein freier Tag sein, – frei, weil ich nicht mehr nach St. Petersburg fahre, frei, weil ich schon gut im Rennen bin mit dem COOP.WAlk, frei, weil ich frei bin….

Wenn ich mich auflade, ziehe ich die Ereignisse an, die zu der Ladung passen. Ich habe lange drüber gelesen, es gern und doch nicht glauben wollen .

Will sagen, Ereignisse anziehen kann jeder und tut jeder. Zum Beispiel mit der Lust auf Verliebtheit oder auf Wut….

Während dieser Tage bekomme ich die entsprechenden Lektionen.

Im Moment sage ich mir: Es ist noch nicht Zeit für die Basilika. Von Schritt zu Schritt wende ich mich wieder in Richtung COOP.WALK. Ich bin ja noch nicht weg davon. Von Schritt zu Schritt mache ich mich bewusst stark. Es sind vielleicht zehn, zwanzig kraftvolle Bewegungen, die ich brauche, um bei einer

Gruppe junger Leute zu landen, die offenbar Deutsch spricht.

Eine Schulklasse. Ich frage die Lehrerin, ob ich ganz kurz eine Performance mit den Schülern machen darf. Sie ist etwa in meinem Alter. „ Aber wir müssen nach Plan weiter…“ Das Übliche. „ Ach, sage ich, eigentlich interessiere ich mich nicht dafür, was Lehrer sagen. Während sie erstaunt schaut, bin ich schon weg. Ein Junge versteht schnell. Zwei Mädchen auch. Eine davon ist Russin.

Ich zeige die Worttafeln : HELP- PEOPLE-IMAGINE . Sie suchen je ein Wort für sich aus. Klar, es sind Beatles Worte, sie singen, verstehen, legen die Tafel an. Drei, vier Wechsel, aber ich habe ja meinen Handy- Bildschirm gesperrt. So schnell kann ich nicht filmen. Die Lehrerin postiert sich direkt in mein Gesicht hinein. Hier wird weg gegangen ! Ins Museum gegangen wird ! Ich gebe den jungen Leuten mit allem Nachdruck zu verstehen, dass sie jetzt den COOP.WALK auf den Weg bringen können, gebe ihnen den COOP.WALK Blitz ins Gesicht und will daran glauben, dass sie es verstanden haben. Will daran glauben, dass er den symbolischen Gang weitergeben wird und bin sicher: Er wird es tun, wenn er

im Internet mehr darüber erfährt. Er wird.. ich denke dabei vor allem an den jungen Mann, den ich zuerst als Anführer ins Auge gefasst hatte. Man braucht einen Anführer. Und der ist hier meist männlich..Hat er nun meine Karte bekommen, oder nicht ? Wieder gehe ich auf Wolken weiter. Dieser Tag hat sich schon gelohnt. Ein Sonnentag wie lange nicht mehr.

Und wieder gehe ich in die Gartenanlage hinter dem Roten Platz.

Ich bin sicher, dass ich die richtigen Leute finden werde, wenn ich mich nur konzentriere. Leider sind heute nur Pärchen unterwegs. Auf einer Bank ein Trio.

Starke Leute um die vierzig. Sie lassen sich von mir erzählen, wirken aber reserviert und seltsam erhaben. Mit den Worten scheinen sie aufzutauen. Aber nein, mitmachen wollen sie nicht, wenn auch Sympathie da ist. Außerdem mögen sie facebook nicht. Wozu facebook ? Wegen der Verbreitung. Davon verstehen sie nichts. Ich gebe ihnen meine Karte und erfahre, dass ich es mit einem Piloten und zwei Flugbegleiterinnen zu tun habe. Stewardessen sagt man nicht mehr.

Ich sehe Polizeibewachung überall. Hätte ich hierher meine Objekte gebracht, wären sie sicher längst entfernt worden. Hinter dem Kreml die Unterführung und dann immer geradeaus. Ich habe einen Polizisten nach dem Weg gefragt.

Zum Alten Arbat. Keine Schwierigkeit, hinzukommen. Rechts und links so genannte Kunst auf Staffeleien und Stellagen. Verständliche, aber gähnende Langeweile. Ein Torturenkeller neben Touristenrestaurant mit deutscher Marschmusik: Eins zwei drei vier, links rechts, links rechts links zwei drei vier…

Wo habe ich das schon einmal gehört ? In London oder in Prag oder in Wien ?

Ich gehe weiter, merke mir den Plastikvorbau, in dem russisches Essen billig angeboten wird. Am Ende der Straße ein Hochhaus mit leichtgewichtiger Zuckerbäckerzuspitzung, das mich anzieht. Man kommt nur über Umwege hin.

Ich lasse mich laufen, komme tatsächlich über Baumbepflanzungsstraßen und

Vorgärten, knapp umzäunt, und lande schließlich bei einem Geschäftshaus, Privatbank, Regierungsgebäude, das an Luxusgebäude in Tampa oder New York oder wo auch immer auf der Welt erinnert. Rasend langweilig. Schnell zurück zum Alten Arbat und zum russischen Imbiss. Die Sonne wärmt. Ich genieße eine Pilzsuppe, leise Gitarrenmusik und das Leben, ich staune:

Dies ist ein Punkt Leben schlechthin: Nicht erwartet, nicht mühsam erworben. Einfach in den Schoß gefallenes Leben, das mit : „Merk es dir“ endet.

Im Hostel kochen die Russen ihre Bohnen mit Speck und was gerade da ist, ich zeichne und führe Tagebuch. Der große blonde Russe nervt, will eine Zeichnung von mir als Erinnerung. Der Administrator warnt mich vor dem, aber trotzdem wird gerade der seine Zeichnung von mir bekommen. Wer es wagt, direkt zu fragen, ohne irgendwelche krummen Methoden, hat bei mir gute Karten.

NACHTRAG:

Ich habe es unterschlagen: Auf dem Rückweg komme ich über einen Spielplatz. Das heißt, ich biege in eine Straße ein, die nach Bäumen und Raum aussieht, um dort vielleicht auf frei sich bewegende Leute zu treffen, – immer den COOP.WALK im Kopf. Drei, vier junge Menschen pendeln herum. Ich spreche einen jungen Mann an. Warum nur immer zuerst junge Männer ? Ohne mir die Frage zu beantworten, spreche ich schon mit ihm. Er scheint Englisch zu verstehen oder zumindest etwas, macht Anstalten, zu folgen, schaut um sich.

Ein paar junge Mädchen horchen mit, scheinen einverstanden, lächeln sich drunter durch und sind weg. Alle sind auf einmal mit ihren Handys beschäftigt und weg. Dann eben nicht, sage ich mir. Heute eben kein COOP.WALK.

Als ich wieder über den Roten Platz komme,zum Wunschplatz vorm Roten Tor stehen da zwei junge Damen, die dem Münzwerfen zuschauen. Sie sprechen Deutsch. „ Wenn Sie das hier mögen,“ sage ich, dann habe ich noch ein schönes Spiel mit Sinn für Sie, haben Sie einen Moment Zeit ? „ Die beiden sind höflich und lehnen nicht ab. . Ich suche mir in aller Eile einen jungen Mann zum Filmen und schon geht es los, ob jemand was versteht, oder nicht. Ich höre diesmal besser zu: Beide studieren Europäische Kultur,oder so, – ein neues Fach, wie es scheint, wollen für deutsche Firmen in Russland tätig sein. Die eine gebürtige Russin, die andere über ihre Großmutter mit dem Russischen in Berührung gekommen. Alles ganz fix erklärt und zusammengerührt. Es entsteht ein nettes Filmchen, ganz unverbindlich. Der vierte Tag in Moskau.

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