Erste Nacht im Achtbettzimmer. Jeder benimmt sich zurückgenommen, nur ich nicht, wegen meiner verstopften Nase. Unter mir eine junge Frau mit Ballkleid am Bett. Sie schläft tagsüber. Die Nepalesen liegen viel auf ihren Betten herum, warten auf Arbeitsnachricht von ihrem Agenten. Neun Uhr früh oder elf Uhr nach Russlandzeit. Ich warte auf die Lust, aufzustehen. Zwölf Uhr..

Der Bulgare Nascha in der Küche blinzelt wieder. Ein Berufsblinzler vielleicht.

Jetzt, beim Schreiben könnte ich mich beißen vor Wut. Die meisten Fotos sind weg .Es waren zu viele. Beim Übertragen vom Handy sind sie abgestürzt und weg. Und dafür reise ich nach Moskau ? Nein, dafür nicht.

Soll ich heulen, mich gleich beerdigen lassen ? Will ich ja gar nicht, will in die Luft gestreut werden wie die Fotos. Vielleicht begegne ich ihnen dann…

Nicht aufgeben, sage ich zu jedem, der es hören und nicht hören will, also auch zu mir und wieder zurück zu den Worten, die die Tage beschreiben sollen und Fotos ersetzen müssen. Ich schlendere aus dem Bücherladen raus, suche meinen Kreislauf zusammen und finde stattdessen: Fremdheitsgefühle. Überall kontrollierende Menschen. An Eingängen, Ausgängen, Straßenecken, Fluren, Parks, Metros, in Lokalen und Passagen. Das selbst überwachende Auge im Inneren nicht mitgezählt. Moskau,- ein einziges überwachendes, riesiges Auge.

Jetzt lasse ich mich bewusst laufen. Ein Hochgenuss , und lande in einem Kettenimbiss, um was zu essen. Hier scheint es erschwinglich. Soljanka, ein winziges Häufchen Krabbensalalat, mit Ei zusammengebackenes Brot.

Ich freue mich drüber. Keine Bedingungen ans Wetter, an überhaupt gar nichts, aber das Bedürfnis , wieder zum Hostel zurück zu finden. Das übermüdete Mädchen an der Kasse des Lokals bleibt mir im Kopf, der auf und ab tigernde junge Mann ebenso. Sie selbst merken ihre Situation vielleicht nicht mehr.

Ob ich schon mal den Roten Platz suchen soll ? Am liebsten möchte ich wieder

die Straße direkt überqueren, aber ich pendele mich unter Tage ein, wie die echten Moskauer, an kleinsten Boutiquen vorbei, lasse mich nicht von meinem Programm ablenken, schaue nicht hin und bahne mir den Weg: Immer gerdeaus., nach Plan.

Nein, ich habe mich nicht gebildet. Ich weiß von Moskau überhaupt nichts außer dem Touristengeschwätz im Reiseführer, das ich nur überflogen habe. Aber bitte: Der Reiseführer hat mir mit Adressen zur Verfügung gestanden. Auch mit Anregungen, dieses und jenes unbedingt zu meiden. Wo ich auch bin, lasse ich mich gern treiben. Diesmal will ich mich mit Spielregel überraschen lassen. ( Also immer geradeaus abwärts.)

Dazu neu im Sortiment: Das Notieren hilfreicher Umstände und eigener Taten.

Endlich komme ich zu dem Punkt, mich für diese und jenes auch mal zu loben.

So was soll Früchte tragen:

  1. Mein Regencape. Hätte ich es nicht eingepackt. Wäre ich längst durchnässt.
  2. Meine Schuhe. Hätte ich die Ledertreter nicht mitgenommen und dazu noch mit Polstersohle ausgestattet,wäre ich öfter auf der Strecke geblieben
  3. Notizhefte und Malmaterial. Alles dabei, nichts zu wenig oder zuviel.
  4. Meine Performer Ausstattung. Auch genau im Rahmen.
  5. Genaue Einrichtung und Verstauplan aller wichtigen Unterlagen samt Geld. ( Lektion Barcelona )
  6. Innere Programmierung zum Aufbau zielführender Intuition. Am Draht bleiben. Gute Disziplin dank voriger Erfahrungen.

Klar, ich hätte mein Laptop mitnehmen sollen, das weiß ich jetzt. Immer wird etwas fehlen,was soll ich mich drüber aufregen. Wie es scheint, komme ich ins Netz. Gestern habe ich das Foto vom Malen der Schilder über facebook geschickt

Das Geradeauslaufen gelingt annähernd. Rechts eine grell rosa Kirche,ich biege ein, in einen kleinen Menschenstrom, was auf touristisch Interessantes schließen lässt, laufe mit. Schicke Läden rechts und links, ich fotografiere ein altes Paar im Cafe´, das wir hätten sein können, mein Mann und ich. Ganze Straßenzeilen in Renovierung, hier wird Geldfluss erwartet. Jetzt nehme ich an, dass ich nahe am Roten Platz bin und schließe zurück. Klar, sie haben die Hostels nahe an touristisch interessanten Plätzen angesiedelt. Im Kopf zeichne ich den Weg nach, alles liegt nahe beisammen.

Rechter Hand eine wunderschöne Kapelle wie eine aufgebühte Blume vor mir, alles in zartem Rot und Grün, klein, aber herrlich in ihren Staffelungen. Ich gehe hinein. Mehr noch als das Bauwerk, für das es sicher auch einen Namen gäbe, interessieren mich die Menschen, die hineinströmen, sich umfangreich bekreuzigen, Bilder küssen, sich zur Erde neigen und wieder alles von vorn. Die Alle Frauen mit Kopftuch. Sie absolvieren ein umfangreiches Ritual. Es muss ein Feiertag sein. Auch die Männer zünden Kerzen an. Ich will mir alles merken, die Ockerfarben, das gedämpfte Grün und Rot, aber die Sicht ist von Renovierungs- gerüsten verstellt.

Was für eine Erleuchtung im wahrsten Sinn, wenn das sparsame Licht durch die oberen Fenster des zentralen Himmelsturms bricht und über die glänzend gold gemalten Heiligenscheine der Klerikalen und Jünger nach unten geschleust wird zu uns. Wir fühlen uns mit Macht erleuchtet. Auch ohne konkrete religiöse Anbindung.

Ich erschaure. Auch ganz junge Leute stehen da und üben das Ritual aus, beugen sich bis zum Boden in unendlichen Wiederholungen. Ich will gehen und kann es doch nicht. Die Menschen, Häuser, Landschaften auf Altartafeln, die

Ikonen sind genau mein Thema. Irgendetwas Neues schließt sich in mir auf. Wenn ich nur wüsste, was. Behauste Menschen, bemenschte Häuser…

Im flüchtigen Internet nicht, hier ist Gegenwart.

Ich will mich endlich zum Gehen wenden, da steht jemand mir im Weg. Ein offensichtlich Blinder mit tastendem Stock und mongolisch wirkenden Gesichtszügen. Er kommt auf mich zu, sagt etwas Russisches, ich antworte, dass ich nicht verstehe, was ihn nicht zu interessieren scheint. Er streckt die Arme aus, und ich führe ihn zu der zentralen Tafel . Drumherum dünne, gelbe Kerzen, die die Gläubigen in Fürbitte aufgestellt haben.

Der Blinde nickt, als ich ihm die Hand führe und er die verglaste Tafel berührt, sie küsst, sich beugt. Er will sich weiter bewegen in den linken Seitenflügel. Ich tue es dem Blinden nach und übergebe ihn mit ausgestrecktem Arm einer sehr jungen Frau, die sich schüchtern durch die Kirche bewegt. Sie versteht ebenso wie ich, führt ihn und achtet darauf, dass er sich nicht an den Kerzen verbrennt. Alles gut.

Ich bewege mich durch den ausgemalten Laubengang auf den Ausgang zu. Draußen hat sich das Wetter beruhigt, ich kann das Cape einpacken. Erst, als ich die verkleideten Soldatenwächter mit gekreuzten Säbeln für Touristenfotos posieren sehe mit dem Schild „ Red Square“ direkt vor Augen, sehe ich die Parallele, den Pariser Platz und weiß es endlich: Ich benehme mich hier in Moskau, als könnte ich mir selbst einreden, zum ersten Mal etwas von Rotkäppchen zu hören. Dies wird also mein täglicher Gang sein, um COOP. WALKER aufzutreiben. Wieder einmal reizt es mich, fotografierende Touristen zu fotografieren, ich tue es, finde mich so blasiert wie banal und entschuldige mich mit irgendwelchen Forschungsausreden in Sachen COOP.WALK. Jedenfalls bin ich mit mir im Gespräch.- Und du wirst dich nicht langweilen, sage ich dir.- -Nein, das werde ich nicht tun, egal wie.- Hinterm großen Tor zum Kreml,- Metallplatten mit Tierzeichen auf dem Boden und dem Standplatz in der Mitte, auf den man sich stellt mit einem Herzenswunsch im Kopf, eine Münze hinter sich wirft und fest an dieses Glück glaubt. Da steht gerade eine, ich fotografiere sie natürlich,- vergeblich,- und sie steht und steht, aber das Glück kommt nicht. Und wie die Nachfolger auch auf ihr Stehen und Warten warten,- sie steht und steht. Ja, das habe ich fotografiert, wie all die Touristen ihr eigenes Fotografieren gewissermaßen fotografieren zum Einstellen und Wegdrücken und nicht mehr merken, wo sie eigentlich stehen.- So gesehen kann ich doch froh sein, dass ich all diese Fotos verloren haben werde, weiß es nur noch nicht. Auch gut, dass ich nichts über dieses Tier- Menschenkreisspiel weiß. Vielleicht hat ein grausamer Zar dieses Spiel seinen Untertanen als Machtersatz spendiert. Autonomie und Wohllebensersatz. Laptops gab es damals noch nicht, aber andere Gesellschaftsspiele und ist ja egal, welche.

Ich zum Beispiel konzentriere mich auf das Menschengewinnen für den COOP. Walk und lache nicht dabei. Die Leute wimmeln vor Ständen mit Babuschkas

und Tüchern und seltsamem Gewimmel. Dann ein Donald Duck und ein schwules Füchschen und ein wandelnder Käse. Stell dir mal vor, die COOP.WALKEN. Geht nicht. Ich steige hoch zur Gartenanlage auf halber Höhe mit halber Himmelskugel und interessiere mich,- nur halb. Da sehe ich drei blödelnde junge Leute. Sie spielen Pferdchen und Kugeln und Abstürzen für die Kamera. Sind wohl schon längst abgestürzt, was sich bestätigt, als ich sie anspreche. Ihr Kichern und lachen verströmt Alkoholgeruch.

Oh you need a new game. I´ve got it. „ ich hänge dem Jungen das erste Schild um, ein neuer Grund zu lachen, die Mädchen kichern noch mehr. Da fahre ich sie an. Das wirkt. Ich kann sogar erklären, worum es geht, auch wenn der junge Mann hinter meinem Rücken erklären spielt. Wie man Gänsemarsch auf englisch sagt, weiß ich nicht. Ducktroot vielleicht,- aber ist es nicht egal, wie man was nicht versteht ? Erst als ich die jungen Leute schiebe, geht es. Sie finden es sogar unterhaltsam, auch wenn sie gar nicht wissen, was das soll. Mir geht es ähnlich. Das einzig Vorteilhafte: ich glaube, dass ich wieder glauben werde, wieder glauben zu wollen: An den COOP.WALK in wondertown Moskau.

Luftdurchlässige Fotos inbegriffen. Wenigstens war keine Polizei im Spiel. Ich verteile vorgefertigte Infokarten mit Autogramm. Sehe ich von ferne jemanden äugen ? Ich meine, ihn auf dem Hinweg schon einmal gesehen zu haben.

Jemand in einem extra feinen Anzug mit Schlägermütze. Gar nicht passend. Er sitzt wirklich im Hintergrund der Halbkugel und lächelt zu uns herüber, fixiert mich richtig. Hoffentlich nicht wieder so ein Nascha mit Spaßhabeambitionen. Dieser ist mindestens zehn Jahre jünger und von einem anderen Stern. Ich sehe zu, dass ich wegkomme. Leider vergesse ich, den jungen Leuten zu sagen, sie sollen den COOP. Walk weitergeben, selber machen.Dabei bin ich vor allem deswegen gekommen. Zum weitergeben. Du solltest besser im Organisieren sein oder jemanden neben dir haben, der das übernimmt,- sage ich doch. Selbstgespräche mit meinem Mann oder Hund oder Katze oder Rotbuche hinterm Haus, was insgesamt keinen Unterschied macht. Ich fühle mich nicht verlassen. Alle Menschen gehören dazu, mit ihrem ganzen Quatsch und ohne. Früher war ich allein ungültig. Das hat sich gründlich geändert. Ich packe ein, sehe zu , das Geld und Handy gut versteckt sitzen.Früher habe ich alles verloren, wenn ich anderswo sehr konzentriert war. Aber du,- du hast es verdient, sage ich zu mir, dich gut zu versorgen, in allen Angelegenheiten. Und gerade wenn du es eilig hast, wirst du langsam machen, nicht wie Mutter gesagt hat: Mach schnell, mach mal schneller endlich ! Bist doch Vater und Mutter und ich und alle in einer Person, seit sie tot sind, die Eltern. Ich nehme lauter Selbstversorgungsgründe mit auf den Weg zurück zum Hostel. Kann man so alt werden und immer noch solche Gedanken mit sich herum tragen ? Man kann. Wieder an der Zwiebelturmblümchenkirche vorbei. Ohne Namen, Postkarten schreibe ich nicht. Von hier aus sieht man die wildesten Fotografierer und ganz Russland liegt einem zu Füßen. Ein junger Russe macht einer jungen Engländerin und mir sicherjeitshalber gleichzeitig Privatfremndenführerangebote. Ich fotografere ein Tattoohäuschen und meine den schicken Anzugträger wieder zu sehen ., es könnte aber auch eine Täuschung gewesen sein. Den Rückweg klüngele ich vor mich hin, beobachte arme, alte Bettler, leicht begrünte Außenbezirke und sich stabilisierendes Wetter, kaufe Müsli und Äpfel und versuche, nichts zu bewerten.

Im Hostel sind jetzt noch mehr Nepalesen. Es sind inzwischen fünf. Ich habe meine Hilfe zugesagt und werde mich dran halten. Vielleicht bekommen die eher ein Visum, wenn sie eine Arbeitsanfrage haben. Das sage ich mir und ihnen. Nur glücklich sehen sie eigentlich nicht aus, auch wenn sie inzwichen zu zweit in einem Bett schlafen oder auf einer Notmatratze im Flur oder.. Vielleicht hat mein Gespräch mit dem Hauswart etwas geholfen. Gestern noch wollte er alle rausschmeißen. Ich setze mich in die Küche zum Zeichnen, möchte mein Kapellenerlebnis mit Heiligenschein umsetzen. Wie gewohnt kreisele ich vor mich hin und, -siehst du, wieder mal wird nichts Heiliges draus. Das also denkst du wirklich ? Gut, dass mir hier niemand über die Schulter sieht. Oder doch ? Ein junger Russe grinst aus allen Ecken der Küche, bis ich ihn auch zu Papier bringe. Nascha ist weg mit seinen Liedern, irgendwie schade.

Die junge Ballkleidtägerin erweist sich als bepickeltes, vernarbtes Wesen. Ich entdecke eine Kerze zwischen Nachtschränkchen und Bett, nur zwei, drei Zentimeter von beidem enfernt. Ich vesuche den Hauswart zu alarmieren, aber der versteht nichts, sagt schließlich was von „ religious use „ und zuckt die Achseln. Ein Kontrollfreak ist er nicht. Gut so. Nachtrag: Das Eintragen auf facebook klappt nicht mehr. Ist mir auch lästig geworden. Ich habe noch starke Kreislaufprobleme von der Reise. Auf Twitter habe ich noch Meldung machen können, dann war es aus. Ich habe wohl zu viel herumgetippt, würde mein Mann sagen, klar. Und ich wollte mit ihm jeden Abend um zehn Uhr chatten . Geht nicht. Vielleicht mal ein guter Aussetzer, ähnlich wie das Fotografiere, das nicht klappen wird, wovon ich aber noch nichts weiß, sozusagen. Als ich müde ins Bett kippe, frage ich mich, in welcher Welt lebe ich eigentlich ? Wenigstens habe ich vorhin meinen echten Schatten fotografiert….und: meine Kreislaufprobleme sind echt. 

geträumtes Innenleben, millionenhaft veräußert, von wenigen Bildern mir übrig geblieben

 

Advertisements