Teilchen für Teilchen

Elementarteilchen

Freitag der 21. Januar 2012. Die Zeit langt. Das heißt, sie breitet sich länger aus, als sonst, besser noch, sie dehnt sich und mich mit bis ins Bewusstlose. Zwischendurch, abends und morgens habe ich Esspappen voll gezeichnet, meine “ Elementarteilchen, das Tagebuch,um mich zu beruhigen, mich in mich hinein zu bringen und die jeweiligen Dinge auf den Punkt. Heute ist es genug und vielleicht gleichzeitig zu spät. Ich muss mich erklären. Gestern Nacht noch ist mein Geld verbrannt. Kaum zu glauben,ich habe mein Geld verschmoren lassen, dazu alle Ausweise und so weiter. Im Backofen. Das kam so:

Die Vermieterin hat auf einmal in meinem Zimmer gestanden, am späten Nachmittag, als ich von der Polizeitour zurückkam. Sie stand da mit der szenischen Ausrede,  im verschlossenen  Nebenzimmer zu tun zu haben.. Und was, habe ich mir gedacht, wenn ich mein Geld mit allem drum und dran an ganz mormaler Stelle aufbewahrt hätte? Weg wäre es gewesen. Wahrscheinlich. Also habe ich das Portemonnaie im  Backofen versteckt. Da guckt keiner so schnell nach.Abends dann kam ich wieder mal nicht mit dem touchscreen der Topfflächen zurecht, konnte oder wollte der Systematik nicht folgen und habe wie verrückt drauflos gedrückt, auch in Verzweiflung den Herd eingeschaltet, um mir die Suppe eben dort zu kochen, egal wie, zwischendurch sogar an das Portemonnaie gedacht, das ich gleich herausnehmen würde, wenn ich das Problem gelöst hätte, in Sekunden. Aber mein Chaosbedarf war stärker, so sehe ich es jetzt. Selbst verursachtes Chaos zum Ausdruck der vorhergegangenen Strapazen und  Unentrinnbarkeit vielleicht. Nachher war es wie verrückt aus dem Kopf,- das Portemonnaie . Ich habe es sogar noch gesucht und dabei den Brandgeruch eingeatmet.Im Bett, im fremden Schreibtisch, in der Klorolle, an anderen unmöglichen Stellen und nichts wahrgenommen, war neben allem, ohne Signal, ohne Erinnerung. Peinlich, das zuzugeben,uund  ich habe es weiter herzukramen versucht, das Portemonnaie, um den nächsten Tag vorzubereiten. Leer im Gehirn, leer an jeder Kontaktstelle und ohne Leitung zu mir selbst. Erst an diesem Tag,also vor Minuten , finde ich es. Der Schock darüber gehört immer noch jemandem, der mir fremd ist. –

burnt off money, sage ich beim Einkaufen vor mich hin,- as usual,- der Verkäufer, wenn der wüsste...

burn burn burn

 So also fühlt sich Alzheimer an, denke ich und:  Es war alles etwas zuviel.  Zuviel für eine fünfundsechzigjährige Frau mit Anspruch auf  Ruhestand. Vielleicht sollte ich den COOP.WALK aufgeben. Oder nüchtern werden, mich aufraffen. Ich werde zum Polizeirevier gehen, mir Mühe geben nach Herrn Heidens Anweisung, um die Objekte wieder zu bekommen, wieder leicht werden. Vorm Polizeigebäude am Geländer der Übersetzer. Seinen Namen kenne ich nicht, soll ich auch nicht kennen. Nachts hatte ich Notizen über die Ursachen von Polizeigewalt auf eine Esspappae geschrieben.

matter of control

Für den Übersetzer. Hier lehnt er, schmächtig, dauerlächelnd, will nichts wissen, es sei denn, jemand fragte ihn direkt. So antwortet er, als ich ihn frage. – Nein, hier ist niemand, der sich für irgend jemanden interessiert. Das heißt, freundlich sein müssen wir schon. Ansonsten ist hier so viel Unglück zu sehen, dass man es schon nicht mehr sehen kann. Man stumpft ab. – – Aber wie geht das denn, ohne Idee zu leben ? – Na ja, dass man ganz gut leben kann, geht immerhin schon in Richtung Idee.- Er zieht die Luft scharf ein, guckt weiter ungerührt. -Von der Straße habe ich gelernt, von der Straße,- Prima, sage ich,- da lernt man am besten.- Und dann kommen sie, die Freunde, die so genannten und wollen von dir profitieren. Aber das lasse ich nicht mehr zu.- Dann sind Sie allein. Und leben ohne Sinn.– Na ja. Sinn genehmige ich mir schon. In der Brutalität immer etwas mild sein und in der Milde immer etwas brutal, das sage ich, aber wenn mich niemand fragt…- Ich frage nach den anderen Polizisten von der Station nebenan. – Die bringen nichts zu Ende, das müssen wir machen.- Mir geht auf, dass die beiden Reviere zusammen arbeiten. Die einen fischen, die anderen zerlegen Jetzt zeige ich ihm meine Einsichten, die er  aufmerksam liest,  aber nicht behalten will.  Ich soll mich lieber beeilen, wenn ich noch jemanden beim Konsulat treffen will. Dass ich mein Geld verbrannt habe, wundert ihn nicht weiter, rein berufsmäßig nehme ich an.

 Der Herr Heiden, ein distanzierter Overdressler in Schwarz  ist eigentlich schon zuhause. Kleine Automaten Intelligenz um Auge, an Stirn und in Stimme signalisieren Abgehobensein. Gut trainiert. Ihm kann man ohnehin mit gar nichts kommen, wie gesagt. Nachts habe ich ihm noch erklären wollen, er bräuchte gar nicht an einem Privatleben herum zu probieren, das kriegte er sowie so nicht hin, oder anders herum,- sowas wie dieses dümmliche Automatenmuster eben nicht, wenn er sich weiterhin als Mensch fühlen wolle- als ob man einfach so von einer Haut in die andere schlüpfen könnte, lebensläglich, -das wollte ich ihm ins feine Gesicht setzen. Übrig geblieben ist dies:    Ich habe mich nicht abwimmeln lassen.Ich störe. Er kommt mit Handbremsefreundlichkeit. Immerhin will er mir satzungsgemäß  einen Ersatzausweis auszustellen versuchen. Ja, versuchen. Ja ja,  schon, um mich loszuwerden. Und ich soll ja nicht wiederkommen, wie ich es angedroht habe, ja nicht. Bis Montag ist  Zeit Aber zahlen muss ich ihn, den Ausweis, nein , das geht nicht auf Rechnung und die verkohlten Scheine kann hier niemand ersetzen. Aber vielleicht nebenan bei der Deutschen Bank, und wenn es nur darum ginge, mich loszuwerden Was für ein feiner Beerdigungsunternehmer, dieser Herr Heiden. Und dann soll ich  wieder kommen.Um halb neun, früh genug bitte. Dann wird der Pass fertig sein, aber ich werde ihn bezahlen müssen, wie gesagt und sowas geht nicht auf Rechnung, – Mit Money Gram kann man schnell was kriegen über die Tochter, kein Problem. und wenn es nur dreißig Euro sind. 

Matter of control 2

Mit dem Kein- Problem -Freundlichkeitstrumpf in der Tasche marschiere ich also zur Deutschen Bank gleich um die Ecke, wo ich Spaß habe mein Geld zu performen, kleinteilig großspurig ausgebreitet und mit leicht übertragbaren Geldbrand- Worten im Mund und auf dem sauberen Bedienungs outfit ausbgebreitet, das verkohlte Zeug. Und trotz des -nein, das hier bitte nicht- Gebahrens der Bankangestellten mit einer anderen Kundin  vom Nachbarschalter Geldbrandworte austausche. Bis man mich endlich zum Haupthaus verweisen kann, habe ich gut Staub aufgewirbelt.

Mein diestägiger Verehrer, halber Italiener mit Deutschkenntnissen, ist noch im Bild, etwas abseits jetzt. Auf meine Frage nach dem Weg zur Passeig de Gracia 111  hat er mich gleich morgens hierher begleitet, den Wegefinder gegeben, Einmütigkeit erzeugt. Er, genauso Lyriker wie ich, genauso barfüßiger Abenteurer wie ich, genau so wenig alt wie ich und noch immer unbeugsam, ja unbeugsam trotz all der Umstände, wie ich. Kurz vor der Ankunft fällt auch die Bemerkugn, wie hübsch ich doch bin. Unterwegs, eine Blumenwerferin, mit Taschenschnapper im Anhang, die abzuwehren waren, dann ein alter Mann, der nach der Zeitfrage und dem Griff nach dem Handy den jungen Handyschnapper schnell hinter sich verschwinden lässt.Für gewöhnlich. Bei mir hat´s leider nicht geklappt. Salvatore würde mich gerne für die forgenden Tage davor beschützen, – vor solchen Dieben, die ich wohl noch nicht bemerkt habe, meint er und stellt sich als hauptberuflichen Visionär vor. Gute Idee, aus seinen vorquellenden, rollenden Augen Sinn und Geld zu schlagen. Und er möchte in Deutschland arbeiten.  Als Wahrsager, frage ich ? Ja sozusagen. Nein, in Deutschland geht das nicht, sage ich, weil ich  vielleicht Hütte habe, aber nicht Stadt und nicht frei, weil Mann drin und nicht warm und keine Küche und Klo dazu. Mein „geht nicht“ wirft ihn nicht weiter um. Das kennt er wohl schon.

Jetzt also ist Salvatore  nur noch ganz wenig im Bild. Während ich aus den Augenwinkeln heraus sehe, wie er sich den Bauch hält, er hat also gegessen, fühle ich nach meinem letzten Geld in  der Hosentasche. Es sind noch 25 Euro für drei Tage.