Einen Tag vorher schon hatte ich mit dem Konsulat telefoniert. Zuerst der übliche Durchlauf von Zimmer zu Zimmer und dann endlich ein Hängenbleiben an einem Freundlichkeitsabsolventen mit Namen Heiden, erst ein halbes Jahr im Dienst und darum  noch mit konkreten Fällen zu beauftragen.  Distanziert freundlich ist der, aber, wie üblich ohne  irgendein Interesse an irgendwas und  wahrscheinlich sogar studiert : irgendwas. Jaja, recht geben wollte er mir wohl, wenn er nur nichts machen muss. Heute Morgen bin ich deutlicher, verlange einen Anruf bei der Polzei, um klären zu lassen, dass ich bereits mehrmals vorher von anderen Polizisten  gecheckt und für erlaubt befunden worden bin, dann aber von dem nächsten Trupp wieder vertrieben und beraubt sogar und verhöhnt und und und er soll sich bitte einmal kundig machen. „-Eins sage ich Ihnen  vorher, meint er. – Kein Polizist sagt etwas gegen einen anderen aus und schon gar nicht eine Gruppe gegen eine andere, das müssen Sie wissen. -Ach was,- sage ich, das war für mich selbst nicht so schwer, heraus zu finden. – Ich bitte ihn, einmal für mich Kontakt aufzunehmen, um meine grundsätzliche Erlaubnis für mich als Mensch  mit meinem persönlichen, menschlichen  Gepäck mich  auf persönliche Weise weiter zu bewegen, klar zu stellen. Nach einigem hin und her erkennt dieser Herr Heiden, er entkommt mir nicht. Er muss wenigstens so tun, als ob. Nachher darf ich mich noch einmal bei ihm nach dem Erfolg seiner Mission erkundigen, sagt er. Ein hochfeiner Mann offenbar. Und wirklich, ich glaube immer noch an das Gute im Menschen.

Auf der Ramblas werde ich angesprochen. Sie haben wieder auf mich gewartet, auf die seltsame Frau mit den Objekten im Wechsel. Diesmal sind es wieder andere.  Einige berichten mir, was sie gesehen haben. Darunter ein sehr junger und ein sehr alter Mann. Es trifft mich,wie gut sie begriffen haben. Es wiegt alles auf.

Ich mache mich auf zur U-Bahn, wie üblich. Inzwischen ist es fast schon Gewohnheit geworden, will aber gleich zum Spanischen Platz fahren, um das Wichtigste abzuhaken: Dass man auf der anderen Station auch nichts tut.  Unterwegs komme ich wieder an den Polzeistationen vorbei, merke, ich habe meine Wasserflasche vergessen, immerhin habe ich noch Noppenpuschen für meine Füße gefunden.  Ich fühle mich beengt und befreit zugleich. Auf den Polizeistationen schaue ich mich noch einmal nach, rufe einen der gelben Polizisten her, um ihm zu sagen, was passiert ist, ich soll warten bis mir jemand weiter hilft. Aber es kommt niemand. Auch ins Gebäude Rambla 43 ist kein Durchkommen. Der Wachhabende im Wachthäuschen wehrt mich ab, wie gehabt. In der benachbarten Polizeistation ein Schlange von Ausgeraubten, Passlosen, Aufgegriffenen. Ein Architekt , dem man sein Laptop gestohlen hat, also praktisch berufslos, daseinslos in einem Raum ohne Mitleid.Auch ich fühle mich stumpf.  Ich sehe, die Damentoilette ist immer noch nicht abschließbar. Ich beschwere mich lautstark: „Überlegen Sie mal, dass Ihre Mutter da sitzt und sich nicht schützen kann. Niemanden scheint das zu kümmern. Endlich zeigt mir der Übersetzer seinen Arm und simuliert den Einsatz einer Heroinspritze. Aha. Hier lässt man für die, die sich in Verzweiflung den letzten Schuss geben, die Tür gleich offen. Das ist praktischer. Ich habe genug, will noch die letzte Station abhaken. Die auf dem Spanischen Platz. Dort sitzen sie ähnlich mitgenommen, in sich selbst verstaubt, die Wartenden.Immerhin können sie hier sitzen.  Ohne Scheu stelle ich mich vor die Stuhlreihen und berichte von meinem Fall, einem unter vielen, sage ich. Eine junge Frau steht auf, geht. Andere schauen verständnislos, scheinen kein Englisch zu verstehen. Endlich bin ich dran, gebe meinen Zettel ab, das heißt, ich zeige ihn nur vor, den Beweis. Nein, aus der Hand gebe ich ihn nicht. Die Antwort: Nein, hier hat man nichts abgegeben. Keine Container, Objekte,Behälter, was auch immer, es ist nichts da. Vielleicht später. Kann sein, dass man hier in Barcelona mal warten muss, sagte die zugezogene Polizistin, die endlich auch Englisch sprechen kann. Jetzt nur noch dies. Ich rufe Herrn Heiden an, den Konsulatsmann, wie besprochen. – Ja, da war ein ganz freundlicher Polizist am Telefon, sagt er,  der gar nicht verstanden hat, wie das passieren konnte. Höchstens, dass die Polizisten nicht verstanden haben, worum es dabei geht. Einfach nichts verstanden. Es scheint, sagt Herr Heiden, dass Sie mit der spanischen Polizei nicht zurecht kommen.  Das mit der Freundlichkeit,- sage ich, kenne ich schon. Und das mit dem Nichtverstehen auch.  -Und was will er machen ? – – Sie müssen sich bemühen. Ich rate Ihnen nur, sagt das Konsulat, – sich zu bemühen. -Und wie, wenn sie kein Englisch können wollen ? – Das ist ja so, dass Sie tatsächlich in einem Land, das Sie besuchen, dessen Sprache sprechen müsssen. – Mehr als vier, fünf Sprachen brauche ich kaum zu sprechen, denke ich und werden Sie auch nicht können. – Zum Schluss erkundige ich mich noch, was Herr Heiden denn überhaupt macht, wenn er irgendwas macht. Da betet der Herr  eine Liste von Zusammen-und Auseinanderführungen herunter, die vor Grandiosität sich selbst überholt und verdächtig nach Litanei klingt. Als ich ihn nach einem Einzelfall frage und wie der sich ganz genau in die Tat umsetzt, seufzt der gute Mann und zieht sich aus der Leitung.

Jedenfalls habe ich das Wändeablaufen an diesem Tag früh erledigt. Ich gehe bei warmem Licht in Richtung Museum für Moderne Kunst und vielleicht zum Miro Museum,endlich Tourist, schaue bergan, die Stufen, die ich gleich nehmen werde, fühle meinen  ehrwürdigen Hut, nütze die Gunst der Stunde und meine starken Schritte. schwinge mich wieder genussvoll in ausgreifendem Rhythmus und falle über einen überragenden Stein, falle platt auf den Boden, ohne mir wirklich weh zu tun, wie eine Katze, aber bin tief liegend beleidigt und liege ausgiebig, bis mir jemand die Hand reicht, der aussieht wie ein Banker, ausgerechnet, aber ich nehme sie, die Hand. Endlich eine Hand, egal, ob sie von einem Banker kommt,-  und schüttele mein Fell. Hochmut kommt vor dem Fall. Immer vor dem nächsten Fall. Ich klettere also und gleich daneben ein Surinamese, der seit einem Jahr keinen Job hat und ob ich ihm helfen kann irgendwo in Deutschland. Ich mache ihm keine Hoffnungen, bin also ich jetzt diejenige, die Hoffnung ausschlägt. Für eine ganze Familie, für wieviel andere Familien…Oben ein Spanier mit Gitarre und echt traurigem Lied. Ich gehe in keine Museum, genieße aber,als genösse ich zum ersten Mal Luft und Licht und Bergketten. Ich mit mir fast unverständlich gut beieinander.  Anschließend die erste Busfahrt. Sie führt mich rundherum um das Wasser, eine ausgiebige Fahrt und ein ausgiebiger Gang bis zu meinem Domizil. Dort schreibe ich noch, zeichne, gehe zur Internetkneipe , wo ich mich im Handybuchstabieren dumm anstelle , Hilfe, wie  ist das Leben voll und leer, übervoll und überleer…von der Polizei zum Museum zum Strandrund zurück zu mir.