15.05.

Eigentlich wollte ich mir wieder einen freien Tag gönnen, aber das Wetter scheint günstig, die Füße gehfähig und die Klüngelei beim Packen stört mich nicht. Kaum bin ich draußen, merke ich, wie kalt es ist. Also zurück, Treppe rauf in den vierten Stock, Strümpfe anziehen. Kaum bin ich wieder draußen, merke ich, oben herum ist es auch zu kalt, aber eine Jacke will ich nicht mitnehmen. Also ziehe ich ein Hemdchen unter. Kaum bin ich draußen, weht es mir kalt, viel zu kalt um den Körper. Also wieder rauf und eine Jacke überziehen. Wieder runter. Dann endlich biege ich mit Sack und Pack um die Ecke. Da sitzt Isabell. Wenn ich mich dazu setze, bekomme ich vielleicht Lust, sitzen zu bleiben, blau zu machen. Auch wenn ich die Termine im Internet angegeben habe, kann ich mich doch mal krank melden. Das macht jeder. Neben Isabell sitzt Monika, die ich hier schon mal gesehen habe. Ich höre, sie ist Ärztin. Auch bei“ Ärzte ohne Grenzen“ hat sie schon gearbeitet. Monika mit den zwei Hunden. Beide Damen finden mich lauthals schön mit meinem Hut. Gut. Ich möchte aber etwas über Afrika aus der Nähe, aus eigener Erfahrung hören. M. wird ungeduldig. -Das geht nicht einfach so, etwas über das Land zu erzählen.- Bei Ärzte ohne Grenzen gibt es einen Kodex der Rücksicht und der absoluten Neutralität. – Aber das weiß ich ja und verstehe ich auch.- Na ja, einmal war ich in einer Kirche, wegen der Gospels, die ich so mag, aber ich habe gleich gefühlt, hier gehörst du nicht hin. Sie kann also nichts erzählen, weil sie keine Erfahrungen außerhalb ihrer Arbeit gemacht hat. Löblich.- Und so ein Kodex muss auch sein. Man kann doch nicht einfach in ein Land gehen und seine Art da verbreiten, als wäre man der Messias.- Aber als Tourist, der sein Geld da lässt, ist man jederzeit willkommen, egal welche Geisteshaltung man mitbringt ? Nur selbst bestimmte Reisende mit menschlicher Grundausrüstung sind verdächtig ? Erklär mal.- Ich erzähle über den allgemeinen kulturellen Bodensatz meiner Arbeit, der, von einem anderene Planeten aus betrachtet ,nichts ist, als die Essenz des berühmten kleinen Prinzen auf seinem kleinen Stern, mit kleiner Blume und Tier. Es ist das , was er von der Welt weiß und weitergibt. -Ich habe keine Ahnung, worauf du hinaus willst, sagt M.- Um so ein Land überhaupt zu betreten, muss man erst viel studiert haben.- Sie redet einen Riesenbogen Schaum in die Luft und sagt dann.- Wenn eine was von Toleranz versteht, dann bin ich das und du , entschuldige, bist naiv. – So tolerant bist du also, dass du mich aburteilern musst. interessant !- Leider fällt mir der Spruch erst später ein. Hier ist COOP. WALK denke ich und stehe noch lange nicht auf. -Weißt du, ich betreibe den Gang schon seit sieben Jahren und habe bereits einige Erfahrungen gemacht.- Aber du kannst doch nicht annehmen, dass du den Leuten irgendwas beizubringen hättest.- Früher habe ich auch geglaubt, ich könnte die Welt retten, dabei ist es oft nur ein einziger Mensch, dem ich was erleichtern kann.- -Siehst du, so geht´s mir auch. Und jetzt erklär mir nochmal den Unterschied.- Da trifft es sich, dass sie eine Serviererin erkennt, Griechin wie sie, mit der sie im Rededickicht verschwinden kann. Siehe da, denke ich, da hattest du doch schon deinen heutigen COOP. WALK. Wo ist der Unterschied, denke ich, dass dich auf der Straße jemand blöde nennt, oder hier am Tisch, wo er seine Überlegenheit angetastet sieht. Weiberkleinkrieg.

Der anschließende Gang von der U-Bahn bis zum Brandenburger Tor scheint unendlich lang. Gedankenschieben, Sonnenschatten zählen, Bewegungen spüren. Vorm sowjetischen Kriegerdenkmal mache ich Halt. Eine Gruppe Chinesen in gegenseitigen Fotoverrenkungen. Steine gucken, Kränze gucken , das tun sie alle und erzählen nichts von dem, was sie da erleben. Wahrscheinlich gar nichts. Aber der C.W. passt hierher in seiner Feierlichkeit. Zwei Engländer fotografieren, haben AI WEI WEI gelesen und erkannt. Dann ein Jude, der mich ins Gespräch zieht, nur flach, seine Frau wartet, und eine Dame, die den Namen erkannt hat und offensichtlich mit etwas verbindet. Sie war längere Zeit in China und überhaupt viel unterwegs. Von der chinesischen Zurückgenommenheit ist die Rede und davon, dass es auch sein Gutes haben kann, wenn ein Staat mit starker Hand führt. Die Frau sucht gesellige Verbindung, ich weniger, werde unaufmerksam , muss weiter. Am Brandenburger Tor wird auch renoviert. Überall Bauzäune. Ich bin spät dran. Die Pariser Platz Mucker, Grenzsoldaten en gros zum Mitfotografiertwerden, Teddys, Affen, Portraitmaler, Kutscher, Rikschafahrer, und lebendig eingefrorene Statuen, sie alle machen mich erst mal an. -Na, was willst´n hier ? – Wat, -Kunst soll det sein ? –Ja, aber um das zu verstehen müsste man helle im Kopp sein. -Ne, erklär ma- Ach, weiße wat ? Selberdenken macht schlau.- Da zischt die Watschelente ab und quietscht: Kunst soll det sein, habta Töne ?- Ne, ham die nich und ich gehe sowieso ungerührt weiter. Einer spricht mich endlich an; Wegen Ai Wei Wei soll die Akademie der Künste hier was demonstriert haben, war aber nicht toll, stand in der Zeitung. Da machen Sie mal besser weiter, sagt er und ist mit seinem Fahrrad weg.

Ich bewege mich , muss mich gegen das Spaßkreischen von jungen Leuten auf ihren Fünferfahrrädern abgrenzen, in die eigene Aktion bringen. Mühsam. Erst später bilden sich die hingeschmissenen und in sich verklebten Touristengruppen in mir ab Zu ihrem Innenleben hat nur ACTION und HIGHLIGHT Zutritt. Ich kreisele ungerührt. Einer der Kutscher fährt mich an : – Aber nicht hier ! – Mir dämmert´s . Den kenne ich noch. Der war bei der Aktion “ Senat in Arbeit“ auch schon da. Ebenso der knutschig süße Strammsteher mit dem straffen Gruß, nein, kein Nazigruß, an der DDR Soldatenmütze. Nazigrüße wagen die Touristen ab und zu. Beim dritten Umrunden des Platzes schmettere ich zu denen rüber, die sich eben noch lauthals über mich lustig gemacht haben:- Na, wie lange wollt ihr das noch machen ? Bis ihr neunzig seid, oder hundert ? Bei dem bisschen Einsatz könnt ihr das leicht hinkriegen. Den langen Hübschling erkenne ich wieder. Er ist Schauspieler ohne Job, der andere dreht sich zu mir hin, mit großen Kinderaugen. “ Hör mal, ich bin ausgebildeter Psychologe, fertig ausgebildet. Und hier auf der Straße kann ich auch lernen. Was soll ich mir denn schon so früh das Gesabbel von Patienten anhören. – – Und findest du das hier ,- ich zeige auf die nächste, weiblich knieende Fangruppe, die sich mit ihm fotografieren lassen will, – findest du das weniger sabbelig ? – Aber er ist schon nicht mehr da. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps. “ Wodka Wodka nasdarowje, “ er taumelt sich selbsttrunken in die Fanmenge, reißt die Fahne hoch salutiert, die Weiblichkeit kreischt. Davon soll man nicht selbst besoffen werden, oder das Kotzen kriegen, denke ich mir. Irgendwie sind die Eingesessenen froh über die Abwechslung durch meine Aktion. Was soll sie ihnen auch schaden, ich verlange ja kein Geld.

Jetzt sind es erstaunlich viele Chinesen, aber auch Spanier und Schweden, die Berlin überschwemmen. Sie bestempeln den Pariser Platz. Fotoappart bewehrte Gesichter auf der einen, armstarkes, gesichtsverzerrtes Jubeln auf der anderen Seite. Die Schablonen unzähliger privater Feldzüge und Eroberungen . Biografische Daseinsdroge, schon im gegenwärtigen Augenblick abgestanden, unerlebt, nie da gewesen, aber eine hochwertige Freundeskreis-Internet-Marke, was will man mehr !

Zurückgeblendet hatte ich davon nur ein ungutes Gefühl im Nacken. Es ist leicht grau und windig. Ich drehe meine Runde instinktiv vorsichtiger an den Pferden vorbei. Erst beim übernächsten Mal knallt mir die Deichsel wieder auf´ s Pflaster. Die Tiere werden unruhig, erschrecken. Ich muss wirklich vorsichtiger sein. Aber habe ich´s dem Herrn Kutscher nicht gesagt? Wenn ich hier nicht geduldet bin, soll er auch die Touristenkoffer zu verbieten versuchen. Die klappern auch laut vorbei. Er dreht sich weg, hat wohl verstanden. Viele Hin-und Weggucker, kaum Einzelgänger zeigen sich, sehen her. Manche sehen das ungewöhnliche Vehikel, buchstabieren das EI WEI WEI in die Luft und ziehen mit diesem Singsang weiter von Luftblase zu Luftblase: Brandenburger Tor, Siegessäule, Reichstag, Kriegerdenkmal, Gedächtniskirche, Mauerreste und jetzt auch noch Berlin Mitte. Die Bilderchen davon nehme ich mit von Runde zu Runde, zu austauschbar begegnenden Gestalten. Frauen mit weltweitwertem Ambiente , leicht Hochglanz abgesessene, anzuggefasste Herren, und Ältere, die auf Bänken sitzen und meinen langsamen Schritten mit den Augen folgen. Wahrscheinlich werden sie erst später wissen, oder gar nicht, wie ruhig sie davon geworden sind. Einer mit Käppi spricht mich an. EI WEI WEI, das ist eine Botschaft ? – Ich muss erstaunt aussehen. – Genau. – – Und die bedeutet ?- Das wissen Sie selber.- Mein Gereizt Sein nimmt er nicht übel. — Solidarität wahrscheinlich- -Und was Ihnen sonst noch einfällt.- Und warum nehmen Sie die drei Wagen ? – Aus Geduldsgründen. Sie sehen ja, was ich übe, also ausübe und wieviel Kraft mir die Zahl drei gibt.- Ich sehe , er hat hingesehen und lässt mich jetzt mit den Augen nicht mehr los. – Da frage ich nach ihm und seiner Geschichte. Er ist Rentner, was ich kaum glaube, und zieht mit seinem Oldtimer und seiner Frau durch die Welt. In der Reihenfolge vielleicht auch umgekehrt. Noch den Rest genießen. In den Tag taumeln, wie ich also, nur anders. Wie ich heiße, will er wissen. Nur den Vornamen. Ja, seine Frau heißt auch so und wir treffen uns auf facebook. Da trommelt er für seinen Sohn der heavy metal drummer. Weg sind wir, nur der Gedanke an meine Kinder nicht. Damit packe ich und fahre. die Füße noch belastbar, aber müde.