Noch einmal Ku´damm. Das Fahren gelingt leicht. Diesmal hilft ein junger Mann beim Treppehochtragen der Objekte. Er ist Buchhändler, hat´s schwer im Geschäft und ich das Dankeschön nicht schnell genug aus dem Portemonnaie in der Tasche und in seiner Hand. Nein,das wollte er gar nicht. Ich freue mich, vielleicht ist er morgen wieder da. Das „Bin hier öfter “ nehme ich mit auf den Weg. Am U-Bahn-Ausgang ZOO hängen sie genau so, es sind nur mehr Menschen wegen der Kreuzung. Hier ergibt sich eine Art Plattform, die Wagen kreiseln bereits, ich kreisele weiter, als liefe ich ihnen nach. Der Wind greift ein, wirbelt mit, entgegen und dazwischen, trägt die Karten ab, wie er will, da hilft kein Beschweren mit Steinen, sie rollen durch die kleinste Erschütterung weiter. “ Halten Sie mal ? “ Die Leute lachen und fangen die Karten ein, jedenfalls die, die ich darum bitte. Also gebe ich nach, erkläre mein eigenes Hinterherlaufen für zugehörig. Das vor allem vor mir selbst. Rein sachlich gesehen ist es kein schlechter Spaß, dass die AI WEI WEI Tafeln (Untertitel “ there is hope „) mit dem Wind wehen. Und mein groteskes Nachjagens auch nicht . Ich fotografiere die guckenden Leute, hätte sie gerne noch schaulustiger, aber sie haben ihr Samstagsshopping im Kopf, außerdem ist die Batterie in der Kamera leer und damit das Fotografieren vorbei. Ende, ab über die Kreuzung, aber langsam, wie gehabt und vorsichtig. Ich habe vorher neues Klebeband aufgebracht. Das flattert einige Minuten später wieder im Wind. “ Schaurig,“ sage ich, „hässlich“, auch wenn die Parallele stimmt. Genau so haben sie AI WEI WEI gefleddert. Außerdem nimmt jeden das Leben mit: Genau so. Sieht mein weißes Hemd nicht inzwischen grau aus ? Und doch:- So lumpig und schief gehängt willst du es nicht, heimlicher Spießer du ! Ich hocke mich auf schmalstem Weg der Joachimsthaler Straße hin, um neu zu kleben. Vorher waren die beschrifteten Karten die Fracht gewesen, jetzt hänge ich das AI WEI WEI hinten an, als Nummernschild gewissermaßen. Das ist besser zu lesen. Autofahrer beugen sich, deuten hin und erkennen die Schrift. Jetzt höre ich es von vielen Seiten flüstern. Ai WEI WEI, AI WEI WEI….ist das nicht dieser Künstler, der verschwunden ist wegen seiner rebellischen Art gegen den Staat ? Manche Menschen wissen´s genau. Einige fragen auch, ich antworte. Hier gehe ich stockender, geöffneter, sodass sie sich trauen, zu fragen. Alles theatralische Magie, sage ich. Wieder eine Ampel, ich biege ab in Richtung Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche. Da soll die Christa Götze oder wie sie hieß, auch performt haben, viele Tage und Jahre. Gegen sexuelle Ausbeutung, zur Entlarvung der Ehe als Geschäft. Sie soll auch erst mit fünfzig Jahren aufgebrochen sein zu ihrem Leben auf der Straße. Einige Berliner haben mir bereits von ihr erzählt. Sie sehen mich wohl als Parallele. Aber meine Thema, Leute, sage ich, ist ein anderes. Dazu ist die sexuelle Freiheit die Voraussetzung. An der nächsten Ampel freue ich mich über einen älteren Zuschauer, dem ich die Postkarte mit den beiden Todesgestalten in die Hand drücke. Sein geschocktes Gesicht ruft in mir weder Spaß noch Mitleid hervor. Seltsam. Da sehe ich den Grund. Er hat eigentlich nur auf seine Frau gewartet, die im Kaufhaus „shoppen war“ und rein zufällig hat er rundgeblickt. Mit einem eher verlegenen Lächeln verschwinde ich. Die Wagen an der Ampel, alle drei nebeneinander, rückseitig AI WEI WEI, rufen Erkennen hervor. Es wispert von vielen Seiten her: AI WEI WEI, das ist doch der und der. So hatte ich es mir vorgestellt. Neben einem Bauzaun zwei rumänische Bettlerfrauen mit Kind. Ich ziehe mit meinen Wagen dran vorbei, schlechten Gewissens. Aber ich kann doch nicht jeden beglücken und überhaupt ist das nicht meine Aufgabe. – Mein Denkapparat klappert immer noch maschinenartig. Weiter gehts. Seltsam. Ein Klamottenverkäufer nimmt teilnehmenden Blickes das Gefährt ab. Andere schauen betont weg, soll heißen, sie sind eigentlich nicht da. Das sind weitere wartende Männer. Die Gedächtniskirche ist schnell erreicht. Heute – Pärchen Tag. Die wollen sachte durch die Stadt schunkeln Das tun sie ausgiebig. Zu den hübschen Wägelchen sagen sie allenfalls süß und nett, gucken aber kaum hin. Sie bleiben im Kopf auf Kaufen gespurt. Einige allerdings sehen anders. Die sind aus anderen Gründen in Berlin. Wir kommen ins Gespräch, tauschen uns aus, sind ja alle anderswo her. Auf den Stufen zur Kirche wieder wartende Kaufpartner. Männer. Dahinter das Berlinmobil, die Berlinwerbeguckkiste, mit deren flimmerndem Pseudohistorienmischmasch den Flanierenden Weltstadtempfinden eingeimpft wird. Davor sammeln sich vorwiegend Pensionäre auf Reisetrip. So wie ich eine bin, nur mit anderen Koffern. Wo ist der Unterschied ? Ich rufe meine tickende Bombe im Kopf zur Wachsamkeit, zur Hut gegenüber mir selber. Als Schlusspunkt das Innen- und Außenrestaurant , weit bestuhlt, der freizügige Platz, gut für Rapper und Straßenkünstler aller Art. Die bevölkern dann auch die Szene. Es ist lauschig warm, fast zu warm, der Wind hatte sich gelegt und kommt wieder auf. Jemand fotografiert die Wagengruppe, wie vorhin, aus dem Straßendickicht heraus, als ich für kurze Zeit weg war. Jetzt auch. Ich sitze beiseite, auf der Steinmauer um einen Baum herum mit einem Getränk, kann nicht genug trinken. – Alles dreht sich, denke ich, im Kreis. Auch das Denken. Und weil es sich auch im Selbsterkennen löst, hört das Ticken fast schon auf, stattdessen befinde ich mich. Bei der Sonne auf den Fingern der Kinder vor mir, dem Gesicht der schäkernden Mutter, dem Rapper in ähnlicher Pose mit seinem Baby im Wagen, dem kleinen Lachen meines Nachbarn, den ich nur hören, aber nicht sehen kann. Ob es regnen wird ? Die Zeit habe ich vergessen. Dem Sonnenstand nach könnte es früher, oder spätfrüher Nachmittag sein. Über die Ampel wird sich gewälzt, ein Bild, das an New York erinnert. Jetzt möchte ich es wissen. Der Menschenstrom scheint urgewaltig. Als ich drüben bin, entdecke ich, dass ich ihn für harmloser eingeschätzt hatte. Es gibt kein Zurück, also nehme ich meine Konzentration zu Hilfe. Mit entschlossener Klarheit ziehe ich meine Wagen durch die Menge, langsam und zielgerecht. Das klappt. Ohne Druck und Krampf. Meine Ruhe scheint sich zu übertragen. Niemand wird ungeduldig, niemand drückt dagegen und niemand fühlt sich genötigt. Wenn das der Fall wäre, könnte leicht Panik ausbrechen und die Leute würden über die Wagen stürzen. An diese Möglichkeit denke ich nicht. Dächte ich daran, wäre mein Gehen, meine Haltung, mein Gesicht gespannt, was sich sofort auf die andrängenden Menschen übertragen würde. Erst jetzt, beim Notieren wird mir die Gefahr für mich und andere deutlich. Sie ist überstanden. Und jetzt erinnere ich mich auch: G. hatte mich vor ähnlichen Situationen gewarnt.

Trotz des Gedränges nehme ich mit zwei Iren am Straßenrand Kontakt auf, der eine Maler, der andere biologischer Sammler und Bergsteiger. Ich sehe, dass sie die Aktion wahrnehmen und komme mit ihnen ins Gespräch. Nachträglich wird mir bewusst, sie hatten womöglich weniger die Aktion als die Gefahr im Auge, diese Gefahr wegen der im Wege stehenden Wagen. Ich entkomme, nehme den Weg zurück wieder an der Gedächtniskirche vorbei. Es ist auch sonst alles, wie gehabt. Auch der Klamottenladen-Türsteher schaut wieder mild leuchtend und die Rumäninnen sitzen wie vorher da. Jetzt erhebt sich die eine, lässt ihr Kind weiter entfernt pinkeln. Ich gebe der anderen meinen Obulus, den sie schnell im BH verschwinden lässt. Da bekommt die andere auch etwas, aber sie ist nicht zufrieden, läuft mir nach, will mich beschimpfen, ich setze ihr ein kantiges Stopp in den Weg, was sie tatsächlich bremst. Weiter vorne spielen wird ein Glücksspiel mit drei Figuren gespielt. Laut schallend das Geschrei. Fast wie in China stiebt die Gruppe auseinander, grundlos. Ein wenig animierender, bedächtiger Rückweg. Ich bin müde. Fast schon routinemäßig finde ich nach Hause. Nachts wache ich weinend auf, weil mein Hund mich im Traum nicht erkannt hat. Überhaupt fühle ich mich hier sehr bewegt. Wahrscheinlich bin ich in einem neuen Lebensabschnitt. Mit dem Museumsbau, mit der töchterlichen Konfrontation hat es begonnen. Ich liege weiter wach und grübele, wo ich demnächst dauerhaft wohnen werde.

Eigentlich