12.05.11

Die Berliner Zeit morgens um sechs scheint etwas Besonderes. Ich bin gar nicht müde. Allerdings spule ich jede noch so kleine Aktion mehrfach um sich selber herum. Hatte ich mir nicht vorgenommen, alles zu Ende zu führen und sei es noch so unscheinbar ? Bleistift und Schere wieder an seinen Ort, den Schlüssel vor allem und die Trinkflasche einpacken. Das Klebeband und die Karten. Visitenkarten wieder einmal vergessen, typisch, ich finde mich ab. Jetzt muss der Wagen weg, möglichst bevor die Polizei drauf kommt, dass ich nicht die richtige Plakette habe. Das klappt. Allerdings mit mehreren Haken, Polizei vertreibt mich beim Parkversuch auf dem Bürgersteig. Ihr – Können Sie lesen – hätte ich mit – Können Sie höflich sein – beantworten sollen. Das fällt mir Sekunden später ein. Ich finde erst bei der Einfahrt zu den Rehbergen einen Parkplatz, packe aus, packe ein . Zm Glück lassen sich die Wagen stapeln und zum Glück habe ich ein paar Steine zum Beschweren der Esspappen mit genommen. Esspappen, auf denen hin gekritzelt stehen soll: Ai Wei Wei. Drangehängt, aufgebunden, improvisiert.

Von so weit weg ist es schreiend weit bis zum Kurfürstendamm, wo ich meine Runden drehen will. Es zieht mich, ich treibe voran, aber es gibt nichts zu treiben. Der dreistöckige Wagen rumpelt mir meine Absichten hinterher und von Ampel zu Ampel. Nein, hier performe ich noch nicht. Als ich an der Charite´ vorbei bin und längst auf der Brücke zum Westhafen drehe ich mich um. Die Tasche mitden Karten und den Steinen zum Beschweren ist weg. Nicht jammern, zurück gehen, hoffen, dass sie noch da sind, die großen Karten, von denen es sicher keine neuen zu kaufen gibt. Also traben und hoffen. Ich finde den schwarzen Sack mit allem drin knapp vor dem geparkten Auto. Eben latscht eine Kindergartengruppe halb drüber hin, halb dran vorbei. Ich will Zeichen geben, dass sie vorsichtig sind mit ihren Füßen. Vergeblich. Bin schon da, freue mich, packe ein, binde die Henkel der Tasche um die Eisenstangen und siehe da, es geht ! Freue mich noch einmal und setze einen Haken in mein Hirn: Sei klug. lass dich auf ganz neues Sehen ein, du bist lange nicht unterwegs gewesen. Der Weg noch einmal zurück heißt nicht mehr: Beeil dich endlich. Ich fühle meine Füße, meinen Rücken, den Rhythmus von Beinen und Atem und erinnere mich an andere Gänge. Auf der Brücke der S-Bahn Aufzug. Ich könnte versuchen, mit die S-Bahn zu nehmen. Aber ich sehe jemanden Gastronomiepakete schleppen. Kein Aufzug? Kein Aufzug . Also tragen oder jemanden um Hilfe bitten. Beides kommt mir unförmig vor. Wohl zu lange nicht unterwegs gewesen. Selbstgesprächsweise Schlangen von Beschwerden, von Vorwürfen im Kopf, nah bei der Zunge und ein neues, deutliches Halteschild vor Augen. Stopp hier. Hast du nicht lange genug dein Allerweltsbuch vom positiven Denken mit dir rumgeschleppt und vor Tagen und Wochen neu aufgefrischt ? Weiter geht´s nur posititv, weitere geht´s nur mit einer liebevollen Zuwendung. Wenn nicht dazu bereit bist, solltest du dir keine solchen Unternehmungen aufbürden.

Ich wende mich dem Karrenhaufen zu.,greife alle mit der untersten Lenkstange, die aufgeladenen Wagen halten sich ineinandergesetzt am umlaufenden Geländer. Aber ich habe das Gewicht nicht eingeschätzt und nicht die rutschenden Schuhe. Als ich den Karrenturm die Treppen runterklappern lassen will, werde ich fast mitgezogen und über den Haufen gerissen, kann mich gerade noch retten.- Weniger wäre mehr,- sagt der Blick vom anderen Schlepper, dem Türken, der klug bepackt seinen Transport bewältigt. Ja ja, nehmen Sie ruhig die U9 bis Kudamm. Das klappt schon.- Ich lerne wieder, Fragen zu stellen und Antworten zu schätzen. Hatte ich etwa vergessen, dass die Welt von guten Antworten nur so wimmelt ? Aber die Fragen dazu bleiben mir überlassen. – Ich schaffe es bis zum Ku´damm. Dort funktioniert der Aufzug. Keine Kleinigkeit, auf der Straße zu knien und die bemalten Karten mit Klebestreifen anzuhängen. COOP.WALK jeweils auf die Rückseite, EI WEI WEI auf die Wagenfläche. Ja, ich betreibe hier den symbolischen Transport des derzeit bekanntesten wagemutigsten Künstlers der Welt.

Die Passanten in den Cafe´s äugen und äugen auch nicht, wie gewohnt. Aber eins scheint anders, Die armen Leute, die die U-Bahn Gegend bevölkern, sehen mich mit distanziertem Blick. Liegt das am weißen Hemd ?- Komm, du bist nicht der Nabel der Welt.- Es sagt und sagt in mir während ich sehe und sehe.

Am Ku´damm wird gebaut. Verfeinert, noch höher gestapelt mancher Bau, zu dem die Touristen aufschauen. Dieser Tage werden hunderfünfundzwanzig Jahre Kudamm gefeiert. Jede deutsche Stadt wirft, so gut sie kann, mit Jubiläen um sich. Vielleicht sind das die neuen Brauchtums- und Erntefeste. Dazu mag jeder Anlass recht und kaum bekannt sein, Hauptsache, die Leute kommen und kaufen. Die alt aufgemachten Laternen haben goldene Schleifchen aufgepfropft, das fällt beim zweiten, dritten Mal Hinsehen ins Auge. Dann Blechbläser mit Swing. Bis gegen Mittag bleibt das allergrößte Gedränge aus. Danach wälzt sich ein wabbelnder Menschenstrom vor den Läden her. Die Pommes-und Abschleppläden für die Touristen etwas im Hintergrund. Es könnte regnen, was ich früher oder später werde hinnehmen müssen; warum also nicht früher. Umdenken hört sich laut an, finde ich und denke zum Besserverstehen noch einmal hinterher. Keine Eile mehr. Je langsamer ich gehe, vor und zurück, wieder vor und zurück und noch einmal vor und zurück und weiter und weiter dasselbe Spiel, das kein Ankommen kennt, je unaufhaltsamer ich also ströme, umso geschmeidiger, ja wohliger bin ich im Einvernehmen mit mir selbst. Erstaunlich, ich hatte es beinahe vergessen. Jetzt erst bemerke ich die vergangene Entbehrung. Im Fluss sein. Das ostentativ gelangweilte Dastehen der Verkäufer hinter bombastischen Glasfassaden, dann dieses wieselhafte, halb versteckte Huschen zwischen Design-Raumteilern und Dekorationen, das mehrfach mit Zurufen endet, wenn ich vor soviel Pomp keine Ehrerbietung zeige. Einem dieser aufgeblasenen Türsteher, der mir sein hemdbruststarkes -Hier nicht – entgegen schmettert, lache ich einen -Gartenzwerg-hinterher und bereue es sofort. Wäre ich wirklich der Fluss selber, wäre mir kein Wort entfahren. Oh heilige Dreifaltigkeit, denke ich mir entgegen, – Strom hin oder her, ich bin auch nur ein Mensch und, genau wie alle anderen, ein vielfach geteilter.- Die Ampeln bieten eine besondere Herausforderung. Noch vor Jahren habe ich mich beeilt, die Gegenstände insgesamt über eine Grünphase zu befördern, jetzt nütze ich die Gelegenheit, jedes Teil bewusst dem Menschenstrom auszusetzen. Vor Jahren noch war ich auf Reibungslosigkeit bedacht. Die Objekte, durften auf keinen Fall stören, dem Menschenstrom nicht entgegen stehen. Genau so wenig, wie ich selber. Jetzt sehe ich mit Staunen, wie sich alles fügt. Die Menschen nehmen wahr oder auch nicht, stehen oder auch nicht, und fließen weiter. Je sicherer ich mich in den Strom hinein begebe, umso leichter teilt sich die Masse. Ich habe Durst, es ist warm, die Bewegung heizt auch ein und die Füße schmerzen. Kaum ein Dreiviertel Tag ist vorbei, da schmerzt es an Zehen und Hacken. Pinkelpause machen ist eine zusätzliches Bedürfnis. Ich darf. Es ergibt sich ein geeigneter Platz zum Abstellen der Wagen. -Jute Teile, woher hastn die ?- Antwort kommt prompt: -uffjesammelt- Nein , ich sage: jekoooft.- Nein, natürlich : Gesehen und mitgenommen. -Und wat machstn da ?- Immer vor und zurück laufen, wien kleener Hund,- blöd wa ?- Nein, das sag ich auch nicht, sondern frage zurück, ob er denn, der Frager, schon mal was von dem eingesperrten Künstler gehört hat, der dem Staat nicht passt. -Ja, weil er zu frech iss wa? Ach so, aufmerksam machen drauf, das tuste. Na jut.- Und schon ist er wieder weg. Mit dem Fahrrad, an das er sich gern mal son Ding gehängt hätte, son Wagen. Seh ick doch.

Ich lasse mich in der Kneipe nieder. Wunde Füße Selbstbedienung, oder Selbstbedienung, wunde Füße, die Reihenfolgen werden auch schon gleichgültig. Eine mexikanische Schönheit vor mir stiftet an, wozu auch immer. Jedenfalls zu Geschichten in meinem Kopf und zu denen im Kopf meines Nachbarn, einem muskelbepackten jungen Mann. Muskelbepackt sind die meisten jungen Männer jetzt. Jetzt sind sie muskelbepackt, die jungen Männer, denke ich noch einmal von vorn, wegen des besseren Satzbaus. Und was waren sie früher ? Dasselbe sicher, nur nicht so synthetisch vielleicht. Aus Mangel an Gelegenheit. Und die Frauen nicht gebotoxt aus demselben Grund. Sklavenhandel, mit dem ich nichts mehr zu tun habe, was für ein Glück ! Ein altes Paar vor mir rechts gibt sich die Kante der Erinnerungen ich zeichne sie, überzeichne sie aus dem Augenwinkel heraus. Skizziere mich selbst in ähnlicher Situation. Wie lange mögen sich die beiden nicht mehr gesehen haben ? Keine Nacktgeschichten mehr in unserem Alter.

Ich marschiere wieder los, zurück jetzt. Durch denselben Menschenstrom, undifferenziert. Ich übe noch, merke, wie sich die Wogen auftun, je selbstverständlicher ich mich in meiner Fahrbahn befinde. Ich nehme keine Rücksicht, behalte meinen Rhythmus bei, der die Menschen rechts und links ausgreifen lässt. Niemand zeigt sich belästigt durch die Wagen, durch das ungewohnte Bewegungspendel, das ich betreibe. Allerdings traut sich bisher niemand, mich anzuhalten und zu befragen. Sobald sich freier Platz ergibt, sehe ich Menschen in Befangenheit stehen. Noch kann oder will ich mich nicht öffnen. Und wieder kommt der Durst und ein dm Laden, passend dazu. Da parken sie, die drei Lieblinge, mit den Buchstaben AI WEI WEI in einem Blick, Seite an Seite. Jemanden bitten, mich zu fotografieren, ist ein Angehen. Erst die dritte vierte Person, die ich ausgucke, frage ich wirklich. Sie nimmt sich meiner an. Sogar gern. Ich staune über die eher reservierte Person und ihre plötzliche Zuwendung. Hilfe nochmal, sie soll mich nicht gerührt sehen. Das heißt, ich will nicht in ihrem Gesicht die Peinlichkeit darüber wiederfinden, dass ich gerührt vor ihr stehe. Gerührt erstens darüber, dass ich es geschafft habe, bitte zu sagen und zweitens darüber, dass jemand sofort bereit ist. Meine Berührungsängste müsstest du haben, sage ich in mich hinein oder zu ihr hin oder drüber hinweg und wieder in die Tasche gesteckt. Mich mutige Person müsstest du mal so schüchtern sehen, wie ich gerade vor dir gestanden habe, sage ich wieder zu mir oder zu dir oder zu denen, die noch kommen werden.-

Aber sogar in dieser Langsamkeit geht das Leben weiter. Ich trolle mich, beobachte wieder, wie sie in den Schickiemickie-Läden ihre Neugier verstecken und werde mal sehen, was noch kommt. Ein mittelalter Mann, offensichtlich Geschäftsmann, gut gekleidet, kommt quer über die Straße auf mich zu.

-Das ist ja eine gute Idee, solche Karren zum Einkaufen für alte Leute.-

-In denen sie sich noch selbst abschleppen lassen können.,- Ne ne,- sage ich,- es dreht sich nicht alles in der Welt nur um kaufen und gekauft werden und wieder verkaufen. – Er sieht mich genauer an. – Ja, was machen Sie denn da ? -Ich erkläre so genau wie möglich. – Ich rege an oder provoziere, je nachdem. – Meinen Erklärungen öffnet er sich Als ehemalige Lauscherspezialistin spüre ich sein Aufnehmen genau. -Ich denke, wir sollten wieder unsere Wahrnehmungen schärfen, uns ab und zu entgegen stemmen, um unsere Grenzen und die unserer Umgebung wieder zu spüren. Die Spaßhabe- Mitlauferei macht uns zu Marionetten.- -Ja, die jungen Leute sind insgesamt zu angepasst. Da passiert nicht genug.. Ich soll ihm meine Karte geben, aber ich kann nur einen Zettel herausreißen. Keine gute Empfehlung. – Und Sie ? Was machen Sie ?- Ich bin akademischer Leiter, kenne mich aus. – Er reicht mir seine Karte. Meine Güte, ein hohes Tier, hätte ich das gewusst….hätte ich genau dasselbe gesagt. Er rät mir, wieder Kontakt mit ihm aufzunehmen. Da wird in Moabit eine neues Museumshaus für junge Künstler gebaut und ich als ältere Person könnte vielleicht auf irgendeine Weise mitwirken.- Aber Ausstellungen mache ich nicht. – -Gut, das geht ja auch anders. wie man sieht. – Ja, wir werden sehen. Ein starker Wind ist aufgekommen. Hut und Karten geraten in Bedrängnis. Den Platzregen warte ich in einer Würstchenbude ab. Gute Berliner Würstchenbude. Und dann zurück zum U-Bahn-Aufzug. Unterwegs fährt ein junger Vater auf dem Fahrrad an mir vorbei, neben ihm zwei Kinder. Er winkt zu mir hin.- habe schon kapier .- Als ob ich mir sein Jubeln unte dern Arm nehmen und in die Tasche stecken könnte , geht es nach Hause. Mühsam und beschwingt.

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