Documenta 14, ein Zeitzeichen


Documenta 14 , 11.06. 2017, ein Zeitzeichen

Neun Mädchen im Haus, Sie haben meine Achtung erworben. Neun junge Frauen aus unterschiedlichen Richtungen und Wohngebieten. Sie haben sich ihre Freundschaften erhalten, obwohl sie sich selbst als sehr unterschiedlich bezeichnen. Sie treffen sich also noch bei uns in der „ Raumstation Dat Huisken „ obwohl schon viele von ihnen an unterschiedlichen Orten leben.
Das ist etwas anderes, als facebooks oder whatsapps „Freundelei „ das ist mit Mühe verbunden und genau deshalb gibt es Chancen zur Veränderung.
Im Vorfeld zweifelt die Organisatorin, ob sie es hinkriegen wird. Sie hat unser Haus über ein Portal kennengelernt und hofft auf Anregung, auf maximale Freiheit vielleicht auch.
Ich sage, du schaffst das, gib nicht auf und sie gibt nicht auf. Trotz einer Magenschäche möchte ich etwas anstoßen, was die Kraft der Frauen unterstützt, weitergeben, was ich über eigene Mühe und Hilfen von außen erworben und weiterentwickelt habe, obwohl ich mit dem Thema „ Geld „ immer noch nicht richtig im Reinen bin. Immer die Fage im Hintergrund: Ob eine Frau jemals ganz mit dem Thema Geld selbstbewusst umgehen können wird ?

Manuela möchte das Portal auslassen, ich zweifele, aber sie besteht darauf. Die Kosten multiplzieren sich zu sehr, sagt sie, also gebe ich nach.
Es wurde ein mehr als gutes Zusammenspiel mit der Gruppe, der eingebaute workshop „ Über Geld,“ mittendrin, – trotz meiner Behinderung. Das heißt, ich verlasse die Mädchen nur ungern ohne eine stimmige Verabschiedung.
Und tue es trotzdem. Hatte ich mir nicht versprochen, das ganze Jahr über möglichst oft zu performen ? Davon ist nicht allzu viel übrig geblieben. Die erste Tour in Hamburg, die zweite, eine abgebrochene Erkundungsreise über Wernigerode für eine Herbstaktion, mehr war nicht.

Ich hätte es wissen müssen. Schon früh morgens ist es heiß und mittags fühle ich mich bereits im Stau. Charly ebenso. Er will raus, will nicht raus, will raus, weiß nicht, wo er im Bus liegen soll. Das Ziel: Die Documenta 14 in Kassel. Zum Glück ist die Autobahn überwiegend frei. Die Stadt Kassel auch überwiegend. Frei von großem Besucherandrang in erster Linie. I
Es ist der zweite Öffnungstag für das große Publikum. Vielleicht kommt das noch. Wir finden auch leicht einen Parkplatz direkt neben dem griechischen Tempel der „ Verbotenen Bücher. „ Gegen 15.00 starten wir in der Allee neben der Einkaufsmeile, Etwa vier Stunden später werden wir diese Zeile, für die man in normalem Schritt kaum mehr als fünf Minuten braucht, geschafft haben.

Gleich zu Beginn ein alter, gebeugter Herr mit Stützstock.
„ Was soll das denn: „ Wählen geht nicht, geht nicht wählen, nicht wählen geht , was soll das ? Das ist doch Blödsinn. „
„ Eine Provokation . „
Immerhin begreift er den Ablauf des COOP.WALK und wahrscheinlich auch, was das soll .
„ Hier ist wohl alles Provokation. „
Ich sage ihm, dass mir seine Reaktion gefällt und das er überhaupt noch reagieren kann, sage, dass es ohne Provokation nicht geht, das Bemerkbar – machen, vielleicht sogar das Denken überhaupt. –
Ich erkundige mich, er ist Beamter gewesen und hat auf Ordnung gehalten. So jedenfalls verstehe ich es.
„ Umso mehr wundere ich mich, dass Sie die Aktion begreifen.“
„ Aber ich will es nicht. Wer nicht wählt, hat ja keinen Einfluss. „
„ Wenn alle diese Parteien, die sich kaum mehr unterscheiden, nicht wählen, wird etwas passieren. Vielleicht kann ein Land, das sich immer noch als „ ganz oben“ empfindet, vielleicht noch früh genug erkennen, wo es wirklich steht und wann man uns geholfen hat, nahc dem großen Krieg nämlich, wo uns Schulden erlassen wurden, die wir jetzt nicht erlassen wollen. Wir schsuen nach Greichenland, aber sehen wir richtig ? „
Jetzt kann er nicht mehr, jetzt macht sein Rücken nicht mehr mit, jetzt will ich auch weiter.
Inzwischen gehen Leute vorbei, lesen, sehen mich seltsame Gestalt mit Gesellenhut, möchten nebenbei itnehmen und begreifen, was natürlich nicht geht.
Ich habe keinerlei Lust, den Event-Schnellkonsumenten irgendetwas näher zu bringen. Charly liegt dazwischen, in den Schattenräumen. Dann zwei Freundinnen auf Farrädern. Sie wohnen in der Umgebung und machen sich immer auf ähnliche Weise schlau, lebendig, bewusst. Mit denen spreche ich und lasse mich besprechen. Nebenbei abenteuern sie ja auch, sind etwa in meinem Alter, fühlen sich bestätigt. Auch im Alter kann man noch was unternehmen. Ob ich meine Aktion ganz anders meine, ist ihnen völlig egal.
Aber es ist stickig geworden. Mir perlt der Schweiß. Charly hechelt, kriegt immer wieder Wasser, legt sich ab. Besonders gern bei Damen, die seine Charme entdeckt haben. An einem Gasthaustisch eine Gesichtslose mittleren Alters und eine magere Blonde, seltsam krank insgesamt. Ihr gegenüber ein junger Mann, offenbar ihr Sohn. Ich bohre nach seinen Wünschen, merke, der gehört schon zur männlich schweigenden Kohorte, gebe auf.
Jetzt bin ich da, erkenne Zusammenhänge, sehe Konstellationen, muss mich hüten.
Also will ich weiter, werde aber von einem etwa acht- bis neunjährigen Mädchen aufgehalten. Sie will wissen. Da bin ich gleich drin, flüstere von Märchen und drei Wünschen, von den drei Prinzen und wieder Wünschen, die zu Hilfen werden. Was sie sich denn Besonderes wünschen würde, frage ich sie. Sie denkt sorgfältig nach, lässt sich Zeit. Währenddessen kann ich sie nicht erreichen, will es auch nicht. Schließlich weiß sie es. „ Keine Schuje mehr, „ sagt sie und sieht sehr bewusst aus.
„ Keine Kriege in der Welt. „ Während sie denkt, bin ich draußen, bestaune ihre Konzentration. „ Genug zu essen und Versorgung für alle Menschen . „
Jetzt ist sie fertig und zufrieden, man sieht es ihr an.
„ Das hast du sehr bedacht und klug überlegt, ich hätte es nicht besser sagen können. „
Sie schaut mich bewusst an, kockettiert keine Spur. Ich staune, dass Menschen sich immer noch vertiefen und ernst nehmen können. Das Bild des Mädchens nehme ich mit. Dass zwischendurch ihr Vater da war, der Texte macht und Bilder dazu und von mir erwartet hätte, ihn zu fragen, ob er mich nicht spontan begleiten könnte, das streiche ich sofort, will keine Oberflächenbebilderer.
Weiter dahinter eine Gruppe abgelagerter junger Damen, offenbar Studentinnen. Denen erkläre ich, will wissen, erkläre wieder und finde mich darin langweilig, also frage ich intensiver, komme aber aus der Langeweile nicht heraus. Offenbar sind die Damen bereits abgefüllt, da kommt nichts mehr zustande außer höflicher Resonanz. Vielleicht sind sie dauerabgefüllt, das zu entdecken reizt mich nicht.
Ich klappere an den Tischen mit Bierrinkern vorbei, merke kaum, das ich selbst gern eins hätte, weiß aber wohl, ich käme dann nicht mehr auf die Beine.
Vor mir also die Tische, dahinter der „ Verbotene Bücher- Tempel und hinter mir die Imbiss- und Getränkewagen, am Ende zwei seltsame Konstellationen: Eine provisorische Hütte für die Polizei und ein VW – Stand, an dem den ganzen Tag niemand steht außer den drei Darstellern , wirklich niemand die ganze Zeit über. Also gehe ich hin und frage, warum die sich nicht vorstellen konnten, dass sie hier nicht gefragt sind angesichts der vergangenen VW Skandale und soll mitnehmen, dass andere noch viel schlimmer sind.
Damit gebe ich mich nicht ab, erfahre aber immerhin, wo und wie man neues Wasser für den Hund und mich bekommen kann, sage also danke.
Die Polizei ist auch völlig arbeitslos und lässt sich ab und zu bei den VWlern sehen, als Kumpel im Warten vielleicht.
Da bin ich weiter, werde wieder von einem Mädchen aufgehalten. Einem wieder etwa neunjährigen Kind mit rötlich gefärbten und durch kleine Flechtereien gelockten Haaren, in T-shirt und einer schwarzen, wild durchlöcherten Strumpfjose. Irgendwie aufreizend. Sie geht um Charly herum, immer wieder auf ihn zu, sodass er sich allmählich zurükzuziehn versucht. Ich spreche sie an, frage nach ihrem Namen. Sie heißt Jolyne. Wieder bitte ich sie, sich drei Wünsche zu überlegen. Das dauert. Wahrscheinlcih, weil sie nur Charly sieht. Endlich kommt doch ein Wunsch, etwas über Frieden oder Versorgung für alle, aber ohne Dabeisein vorgetragen, sodass ich es kaum mehr weiß. Zwei weitere Wünsche schlag ich ihr vor und versuche, sie zum Anwesendsein zu gewinnen. Als sie endlich soweit ist, guckt das grämliche Gesicht einer älteren, schlanken Frau um die Ecke, offenbar ihre Oma. Wo sie denn bleibt, will sie wisen. „ Aber, sage ich, warum soll sie denn Eile haben, warum sollen denn alle Menschen immer Eile haben. Jolyne ist gerade hier und da passiert was. „
Die Frau erklärt, dass aber die Familie da sitzt und wartet. „ Die kann auch einmal ganz alleine da sitzen und muss überhaupt nicht warten. „
„ Haben Sie eine Ahnung. „
So geht es eine Weile hin und her, bis ich erfahre, dass Jolyne sich nicht konzentrieren kann und renitent ist,nebenbei auch ADS hat. Ich antworte nur: „ Haben sie alle, das ist die Zeit, nicht die Kinder.
„ Aber Jolyne hat schon mehrere Heime hinter sich und jetzt ist sie bei mir, aber, wenn das so weiter geht, nicht mehr lange. Sie hört ja nicht. „
„ Warum soll die denn auch hören, wenn sie nicht wahrgenommen wird. „
Da erfahre ich ihre ganze Geschichte und ahne die Geschichte der Mutter und die der Oma dazu, gebe auch meinen Respekt gegenüber der Geduld der alten Frau zu verstehen. So meine ich es. Das versteht die Frau und fängt an zu erzählen. Ich weiß es auch nicht besser, nicht gleich und nicht später, weiß nur, dass Jolyne Beständigkeit braucht. „ Und sie brauchen eine Geschichte, die sie als die Oma dieser kleinen Person ertragen können. Ich sehe das wache Gesicht mir gegenüber und begreife noch mehr.
„ Aber wenn ich nicht mehr kann ? Die macht ja immer nur, was sie will. „
„ Ja, sie muss austesten, wie weit Ihre Geduld und Liebe reicht. Und ich weiß genau, Sie werden es bis in Ihren Tod hinein nicht ertragen können, wenn Sie es nicht schaffen sollten, diese Liebe aufzubringen. „
Es endet damit, dass sie weicher wird, auf einmal Zeit hat, meine Adresse bekommt und sich wohl irgendwie erleichtert fühlt, weil sie sich verständlich machen konnte. Und damit kommen wir zurecht und können weiter.

Die Objekte haben inzwischen in der Kurve gestanden, führungslos. Noch einmal: An den Ständen vorbei, den Tischen, der Polizei und dem VW- Stand. Spätestens hier, beim Übergang zur Hauptbühne, den Liegestühlen an der Front zur Schau der Brandung der „ Verbotenen Bücher „ hätte ich die Munition zünden können, die ich leicht in den Säulen der Objekte hätte verstecken können und dann wären sie auf einmal in Arbeit gekommen, die gelangweilten Polizisten.-
Tatsächlich wartet hier ein gut gewürfeltest Publikum auf Godot. Und der bin ich. Wie ich mich da bereit mache, an den Stufen der gähnend gelangweilten Denkkulisse entlang zu laufen, nehme ich einige inspirierte Blicke mit. Zum Beispiel den eines weißhaarigen Mannes. Den besuche ich sofort, will wissen, was er von der Welt weiß. Er ist Österreicher. Die wissen alles und nichts, Wir kommen sofort auf Joseph Beuys zu sprechen und auf den anderen, dessen Namen ich immer wieder vergesse.
„ Jaja,“ sagt er, „ B.B. Wahrscheinlich. „ Da weiß ich es wieder. Ja, Bazon Brok, der sich selbst Schwätzer genannt hat und als Professor natürlich dauerschwätzen konnte. –
„ Wir sind wahrscheinlich hinter die Zeit zurückgefallen,“ sage ich und gehe weiter. Keine zehn Schritte und ich werde von einem Mitglied der Security aufgehalten. Ich soll mich hier vom Acker machen. „ Oder haben Sie eine Erlaubnis ? „
„ Zum Gehen und Stehen braucht man wohl noch keine Erlaubnis. „
„ Hier aber schon. „
Ende des Liedes. Die Polizei in Dreifachverkörperung. Einer hat das Sagen. Ein ganz Smarter. Er legt mir nahe, gleich zu gehen. „ Hinter den Café Anlagen können Sie laufen, soviel Sie wollen. Natürlich widerspreche ich. Und endlich so laut, dass der Smarte telefoniert, um sich abzusichern. Da habe ich schon mit dem Liegestuhlpublikum Kontakt aufgenommen, meine Lage dargestellt.
Als die Herren tätig werden wollen, steht mir ein Paar zur Seite und siehe da, ich darf mich an Ort und Stelle setzen. Ich darf sogar was trinken und dann gehen. Es soll auch eine Stelle da sein, die für Anmeldungen ähnlicher Art zuständig ist. Sag mir bloß einer was von Zuständigkeit und meine Fußnägel schwellen an.
Es beginnt zu tröpfeln.Liegestühle leeren sich, Sonnenschirme werden eingezogen, aber das Wetter macht weiter wie vorher, jedenfalls grobflächig.

Eigentlich möchte ich mich noch mit der zuständigen Genehmigungsstelle, die dann auch wieder nicht zuständig sein wird unterhalten, sehe aber außer ein paar Läden nichts, was ein dokumentafreundlich wegweisendes Gesicht aufgesetzt hätte. Endlich ein umgebauter Pelz- oder Lederladen direkt vor der Nase, in dem Studenten mit „ Was-kann-ich-für-Sie-tun-Gesichtern herumsitzen und auf kleine Laptop-Stationen hinweisen, die außerdem befragbar sind . „ Wir natürlich auch . „
In dieses „Wir-natürlich-auch „ setze ich meine Fragen nach Ort und Zeit und Bestimmung von Dokumenta und Menschen, zum Beispiel diesen beiden, die weder was von Kunst verstehen, noch offenbar etwas von Zeitgeschichte und Wirtschaftsrecht, was sie aber studieren,- beide. Klar, dass ich streitlustig bin, aber nicht allzu sehr. Ich bin da wohl in einen Flirt von einem zum anderen geraten und niemand wollte von niemandem nichts, vor llem nichts von einer alten Frau, die auch nichts will außer nörgeln.

Ein kleines Weizenbier und ich habe keine Lust mehr, für irgendetwas zu stehen außer für Charly und mich.
Eigentlich möchte ich mich noch mit der zuständigen Genehmigungsstelle, die dann auch wieder nicht zuständig sein wird, unterhalten, sehe aber außer ein paar Läden nichts, was ein dokumentafreundlich wegweisendes Gesicht aufgesetzt hätte. Endlich ein umgebauter Pelz- oder Lederladen direkt vor der Nase, in dem Studenten mit „ Was-kann-ich-für-Sie-tun-Gesichtern herumsitzen und auf kleine Laptop-Stationen hinweisen, die außerdem befragbar sind . „ Wir natürlich auch . „
In dieses „Wir-natürlich-auch „ setze ich meine Fragen nach Ort und Zeit und Bestimmung von Dokumenta und Menschen, zum Beispiel diesen beiden, die weder was von Kunst verstehen, noch offenbar etwas von Zeitgeschichte und Wirtschaftsrecht, was sie aber studieren,- beide. Klar, dass ich streitlustig bin, aber nicht allzu sehr. Ich bin da wohl in einen Flirt von einem zum anderen geraten und niemand wollte von niemandem nichts, vor allem nichts von einer alten Frau, die auch nichts will außer nörgeln. Es ist das Klima.
Eigentlich ist immer das Klima an allem schuld.
Keine Lust zu gar nichts.
Charly und ich tasten uns über den Parkplatz zu den Wiesenanlagen immer treppab und dann wieder treppauf, nachdem mein lieber, fastweißer Hund einen anderen fastschwarzen zum Spielen gefunden hat.
Dann der Beschluss, rauszufahren. Mein Magen rebelliert und zwar so, dass mein Kreislauf massiv anfängt, zu streiken. Parkplätze um den Kern herum gibt es keine, jedenfalls keine kostenlosen. Also suchen wir die Vorstadt auf. Die Gegend also, wo es kriselt. In der Nähe eines Gymnasiums bleiben wir, aber Charly wälzt sich, hat Not zu atmen wie ich. Im Führerraum schmeißt er sich von einer Seite zur anderen. Ich bekomme hinten keinen Schlaf. Mitten in der Nacht, oder eher gegen Morgen um kurz vor vier stehen wir auf. Gehen bringt Ereichterung vielleicht für uns beide. Immer der Gartenstraße folgen. Die geht wohl um die ganze Welt.
Lautes Geschrei und Geheule reißt uns mit. Da setzt sich eine junge Frau offenbar mit ihrem Freund auseinander. Der ist wahrscheinlich wieder mal mitten in der Nacht zu spät nach hause gekommen, hat sich wohl eine andere gefangen und sie macht jetzt die Hölle los. Es gibt reichlich Filme zur Verfügung für solche Szenen, damit man nicht allzu sehr mitleiden muss. Ich spule einen ab, will schon weiter, weiß es wahrscheinlichkeitsbegründet genau, da beuge ich mich zu der jungen Frau. Sie sitzt mit den Füßen bereits auf der Kreuzung und heult. Ihr Freund hat sich gerade aus dem Staub gemacht, wirll jedenfalls nicht mehr mit warten.
Da erzählt sie das Leid um ihre Freundin, die verschwunden ist, ohne Handy ohne Nachricht, ohne irgendeinen Hinweis, nachdem sie kurz vorher noch gemeinsam in der Kneipe gesessen hatten. Sie hat nur gesehen, dass da ein anderer junger Mann im Spiel war. Einer, den sie nicht kannte. „ Und die Gegend hier wimmelt von schrecklichen Gestalten. Mein Vater ist Polizist, wissen Sie. „
Ich ahne, was da alles sein kann, habe am Abend noch reichlich viele junge Rumhänger gesehen. Und dies ist nicht das Ruhrgebiert, dies ist auch nicht die Statistik aufstrebender Beschäftigungszahlen und von Armut – in – Deutschland – gibt – es – nicht – Berichten.
Habe auch mit Spaß bemerkt, dass der sympathische türkische Imbiss- Mann den jungen Hängern von der Straße für ein paar Cents viele Pommes und Döner mit Salat serviert, mir aber ordentlich was abgezogen hat. Gut so, irgendwie muss es gehen.
Jetzt versuche ich , der jungen Frau klar zu machen, dass das, was gerade passiert, wie mit den klebrigen Kleidern der goldenen Gans sein kann, das Unglück, und dass sie da mit den Beinen auf der Kreuzung ganz schnell in irgendetwas geraten kann und dann folgt ein Unglück dem anderen. Da steht sie auf und sieht mich aufmerksam an. Ich umarme sie , eine Wildfremde. Und sie bedankt sich, dass ich nicht einfach weiter gegangen bin. Wollte ich aber, hätte ich beinahe gesagt, bin aber einfach nur erleichtert. Und sie wird jetzt nach Hause gehen und morgen weiter suchen, wenn sie mehr Kraft hat.
Als wir wieder zurück sind, eine halbe Ewigkeit später, immer auf der Gartenstraße nach, rund um den Globus,- und wir im Bus liegen, umständlich ausgezogen und mit Wasser abgefüllt, weil die Zunge immer noch am Gaumen klebt, da können wir endlich schlafen, Charly und ich. Am nächsten Morgen wehen die Schulkindersprüche zu uns rein, weil die Tür leicht geöffnet ist, ob es nun Gewalttäter gibt oder nicht, da hören wir was von Autos und welche der Vater liebt und welche nicht und was von Schminktipps und wer was gesagt haben soll und wer nicht, Ich fühle mich durchaus nicht in meine Schulzeit zurück versetzt, sondern nur aufbruchslustig, Brauche keine Ausreden über ein notwendiges Gerangel mehr mit denen, die die Dokumenta veranstalten. Keine Besserwisser- Klimmzüge meinerseits, muss auch keine Dokumenta Werke mehr sehen, nichts von Griechenland lernen gewissermaßen. Nur einen gesunden Magen hätte ich gern. Den möchte ich mir mit Heilerde- Kapseln erobern. Und mit einem einfachen schwarzen Tee im Realmarkt. Was für ein Ereignis eine echte Damentoilette sein kann, hatte ich beinahe vergessen. Jetzt weiß ich es wieder und werde diese für eine Weile erinnern.
Wir stapfen zurück, es ist wieder recht heiß. Wir fahren der Nase nach in Richtung Heimat. Da wird es richtig für uns sein mit dem schwachen Kreislauf, der schwachen Verdauung und dem stumpfen Denkapparat.-
Nachträglich weiß ich es nicht mehr genau,- war es der Habichtswald, in den wir gegangen sind ? Immer leicht aufwärts und natürlich wieder abwärts, an den Tümpeln entlang, am Schutzgebiet für kleines Wassergetier vorbei hinein in die Stille und zu uns selbst, auch wenn eine Mutter mit Kindergespann und ein Fahrradfahrer vorbei rauschen. Hier sind wir richtig,- diese Bleibe nehmen wir mit. Die Geräusche auch und das Tempo. Eine Qualität, die keine Fragen mehr stellt, nicht an sich selbst, nicht an uns.
Zuhause schlafe ich einen ganzen Tag durch und noch einen halben, dann einen viertel Tag und dann bin ich fast wieder ganz gesund, aber langsam, sehr langsam.
Es gibt keinen Grund mehr für die Peitsche im Nacken.

Erste Tuchfühlungen


Sie stehen nicht als Hülsen
ihrer selber da, die kommen.
Sie gehenkommenstehen
und lassen sich fühlen
durch das Tuch zum
Kern ihres Wesens,

wie auch ich
mich von
ihnen.

b
e
g
r
e
i
f
e
n

l
a
s
s
e .

Und so halte ich es aus:
Das Wissen um das
vorausgreifendnachträgliche
Lebenswesentliche !

Wernigerode 2


Wieder auf COOP. WALK mit leisem Zögern…

Wie ich endlich alles beisammen habe, im Auto, und Charly andeutet, dass er aufs Mitkommen nicht verzichten wird, fühle ich mein schweren Knochen einzeln durch. Eigentlich will ich nicht. Eigentlich war ich auf Gemütlichkeitskurs. Eigentlich könnte ich es so bequem haben. –
Aber die Objekte sind bereit wie vorher, haben nur noch mehr Beulen bekommen,- genau wie ich.

Wir fahren also wieder die gleich Strecke Richtung Berlin, weil das der Bus von selber macht.
Zum Glück zwingt mich der Hund, seiner Natur zu folgen, also aussteigen, wenn er muss oder Hunger hat oder zuviel Hitze. Es ist der erste wirklich warme Tag seit März.
Am Lehrter See gebe ich mein ganz gewöhnliches Zielbewusstsein auf. Das ganz gewöhnliche Rollen im Strom bekommt Zügel gesetzt, was nicht leicht ist aber neue Folgen zeigt.

Aussteigen geht flüssiger und das kleine Bleiben auch. Ein Scheibchen Lehrter See zum Mitnehmen und aufs Daseinsgefühl legen, dann mit Blick in den Himmel und Nase beim stinkduftenden Weißdorn mir einverleiben. Charly braucht gerade nichts. Er schwimmt und verdrängt ein anderes weibliches Hündchen, das hier um diese Zeit sonst immer allein….

Des Frauchens Voice strömt zuviel Verträglichkeit aus, da gehen wir lieber.
Rund um den See kommt Häusergehege dazu und mein eigenes Klohäuschenbedürfnis ohne Hetze. Als wir alles haben kommen lassen, sind wir rein geistig aus der Blechlawine ausgestiegen . Ich kann den alten Mann, ( nicht älter als ich ) , mit seinem Müllgfreifstock und seinem „ Wer-lässt-hier-was-liegen- „ Blick wahrnehmen. Geradeaus.
Da habe ich mit Charly die eine Hälfte der hundsordinären Kanckwürstchen geteilt.
Die andere Hälfte, sauber verschlossen im umweltfiesen Plastikpack könnte ich dem Mann direkt geben, oder liegenlassen. – Ich teste mich, indem ich ihm genau diese Hälfte direkt gebe, nur noch nicht mit normal offenem Blick, zugegeben. – Er sagt aber danke und findet das genau so selbstverständlich, wie ich es ihm gebe. Schließlich habe ich auch mit Charly geteilt.
Wieder im Auto staune ich, dass ich noch lernfähig bin und ein Teilen gar nicht großkotzig oder tiefstapelbedürftig daherkommen muss und mein fieses Würstchendasein unentschuldbar unschuldig seine Verbrecherwürde wahrt.
Weiter geht’s mit höchstens Hundert. Das ärgert die Lasterfahrer kaum. Sie haben auch die Frühjahrsmüdigkeit…
Bei Magdeburg müsste die Landstraße her, um in Dessau anzukommen, jedenfalls in einer kleinen Stadt bei Dessau. Nichts zu erklären, ich möchte ein Städtchen zum Performen testen, will aber werweißwarum nicht das Handy zu Rate ziehen.
Früher hatte ich doch immer Instinkt.
Ich frage an einer Tanke.
Auf dem Südring Richtung Halberstadt, – sagt der Tankwart,- und dann Richtung Burg nach Dessau. –
Das mache ich, das schaffe ich. Auf dem Ring gleitet man so dahin und dann geht es gearde so weiter, im milden Licht an grünen und gelben Flächen vorbei, immer wieder Grün und Gelb ohne Höhen und Tiefen. Häuser- und menschenlose Farben bringen mich zum Fliegen. Kein Zweifel, dass ich ankommen werde, wo ich ankommen will. Wenn ich das Handy wollte, würde ich aus dem Grün- Gelb abstürzen, soviel ist sicher.
Auch Charly liegt zufrieden in zarter Wärme und Fächelwind und Schlaf. Die Richtung Halberstadt hört gar nicht mehr auf. Das Licht liegt tief. Es blendet so, dass ich die Schilder nicht lesen kann. Sonnenuntergang. Kein Örtchen, in dem man nach Richtug Burg fragen könnte. Da biege ich endlich ab, sehe immerhin eine Häuserreihe im Hintergrund, aber keinen Menschen.
Endlich, ganz hinten im dörflichen Bild eine alte Frau wie ich. Eine magere Gestalt. Sie sieht mich mit großen Augen an und wie ich ihr zu jubele, dass es ja doch noch Menschen auf der Welt gibt, empfängt sie mich freundlich. Ich stehe am Gartenzaun und komme nicht weiter, so schauen mich die Blumen an. Ich wusste noch gar nicht, wie weit wir sind im Jahr, dabei habe ich auch einen Garten. Auf einmal kommt es mir vor, als stünde ich wieder bei meiner Mutter hinterm Haus, wo die Gewürze sich mit dem Mohn und dem Löwenzahn verbinden. Dahinter das Glashaus mit den Tomaten. Und wie stolz sie immer war und liebevoll mit den Pflanzen, so, als wären das auch immer ihre Töchter gewesen. Bis Lidl in die Nähe kam.Lidl, der alles schneller und vor allem billiger konnte. Ich höre noch ihre traurige Stimme, dass sich jetzt ja alles im Garten nicht mehr lohnt.-

Hier bricht mein Gefühlsstrom ab, hier will ich nur noch sehen, dass die Frau mich herein bittet, dass Sie mir helfen will und ich frage auch gleich nach der Nähe, die in einer so kleinen Gebäudeansammlung zwishen den Menschen wohl entsteht. „ Ja, die ist da,“ sagt sie und hat offenbar keinen Hintergedanken dabei. Nähe ist vor allem Hilfe und gut .
Jetzt holt sie einen alten Atlas heraus, setzt sich auf die Treppenstufen im Eingangsbereich und sucht Wittenberg. Wie sie mit dem Finger die Zeilen durchrast, sehe ich wieder meine Großmutter, meine Mutter und mich dasitzen und Zeilen überfliegen. Da gabs ja noch kein Internet. Und da hockt sie nun, die zarte alte Frau mit den übergroßen Augen im verwaschenen grau- rosa Kleid und versucht, mir zu helfen.
Nebenbei erklärt sie, dass sie es gerade so schaffen werden, die Kanalisationsgebühren zu bezahlen, die jedem Anohner entstanden sind. Sie dürfen abbezahlen. Das ist immerhin etwas.
Ich höre, kann aber zu meiner Situation nichts sagen, als dass ich doch erst mal nach Wernigerode will, so nah dran, wie ich bin und da noch etwas aufräumen.
Sie bemerkt meine Klarheit und stimmt mir zu während ich mich von den Blumengruppen verabschiede: Wenn die eine verblüht ist, kommt die andere Sorte. Die Levkojen, die Ranunkeln, die Akelei und die Rose, dann die Sommeraster. Die Vögel sind jetzt vom Tschilpen zum Singen übergegangen. Das heißt, dass es Abend wird. Und am Abend komme ich an in Wernigerode, will aber gar nicht erkennen, dass es genau das Städtchen ist, in dem ich noch im letzten Jahr performt habe mit meinen ewigen Pappen, zuerst von mir und dann von den Schülern übermalt.
Die Botschaft: Kunst ist nicht mehr das bessere, das höher wertige Können des Künstlers, sondern das Mitprägen des Moments im Weltraum, in der Geschichte, in der Gemeinschaft des gegenwärtigen Seins.
Ob ich schon ahne, dass in Wernigerode Maskerade zu holen war , wie in anderen Städten auch und dass die Herren vor allem sich selbst gefeiert haben, wenn sie Dekoration und Zusammenstellung der vietnamesischen Gastgeberin genossen haben? Nebenbei auch das Essen, jaja. – Gedankenflug, der kaum stört, schließlich hatte ich gleich notiert, was in der Richtung bei mir aufgeflogen war.
Jetzt richte ich längst den Buli ein zum Schlafen und mache mich noch einmal durch die Stadt, auf übermüden Füßen. Nur Charly möchte laufen, ich also auch.
Da sehen wir die Läden wieder, die gut auf Fremdenverkahr abzielenden Stadt Atmosphäre- und Genussmittel und Erinnerungsshop- Läden, auch Restaurants und Billigessbuden dabei,- nichts, was fehlt in Wernigerode. Der Leerstand ist nicht eigentlich zu bemerken.
Entlang dieser Läden schlage ich in meiner Werigerode Anwesenheit ein paar Seiten zurück und fühle, der Ex- Vertretungsbürgermeister Andreas Heinrich wird nicht da sein,- so fühle ich es. Und wenn er da sein sollte, wird er nicht öffnen.
Am nächsten Morgen ganz früh ein Mann, knapp zehn Jahre jünger als ich, der mir vom Bürgermeister berichtet, weil er sein Nachbar ist „ Anrufen, „ sagt er , ohne Anruf geht nichts.
Am nächsten Morgen eine Gegenüberstellung per Charly und Zufall mit dem Direktor des Herhart Hauptmann Gymnasiums, der mir auch nichts über den Verbleib der Pappen sagen kann, weil die Kunstlehrerin im Ruhestand ist. Jaja, Verantwortung ist nicht das, was man in den Bürokratien dieser Welt lernt oder zu lernen weitergibt.

Auf dem Rückweg steckt Charly seine Nase in ein Cafe´in dem wir immer gefrühstückt haben. Eins mit vielen einander zuarbeitenden Kräften, eins, das die Kunden im Auge hat und deren Bedürfnisse. Eins mit vielen kunterbunten Menschen hinterm Tresen. Die backen auch ganz ohne Weihnachtszeit Plätzchen, die weggehen wie warme Semmeln. Charly wird genau so wenig vergrault wie ich mit meinem Handy – Aufladebedürfnis. Aber ich vergesse, ein Foto zu machen. Überall, wo ich besonders stark im Bild verschwinde, vergesse ich das Fotografieren. Um das zu schaffen, müsste ich mich wieder aus dem Bild nehmen, was nicht so einfach ist.
Auf dem Rückweg erfahre ich von einer Anfrage nach Unterkunft . Eine Managerin ist in Not, braucht Dach und Betten und Kochstelle und Dusche für eine Männergruppe aus Rumänien, die eine Windenergie Weiterbildung machen will.
Interessiert mich. Natürlich brauchen wir auch das Geld, um alle Rechnungen für Haus und Garten, Kind und Kegel weiter bezahlen zu können.
Aber wir halten wieder am Lehrter See. Wieder darf geruht werden und sogar geschlafen. Wieder nimmt uns niemand die eigene Zeit aus der Tasche. Wieder sind wir Inhaber unserer selbst, Charly genauso wie ich. Wir kommen fast ausgeruht an, was wichtig ist bei den Aufgaben, die auf uns warten.

AberdannLuigiaberdann


AberdannLuigiaberdann

fährst du die Krallen aus
die superspitzen,
und im Sitzen
nochvom Fahrrad runter
gleich am nächsten Tag
lässt du die doppelschlitzige
Zunge über blitzeblaue Augen
flitzenundmichganzundgarerhitzen

Und dann,lässtdumichendlichauchnoch
inderLiebeBlutstromaufderParkbank
einfachsitzen. Oh,LuigiLaiolo

In deiner Gruft ganz ohne
Liebsduft

ham
wir
uns
das
erspart.
Unslängstschonausgejahrt !

Luigi oh !


Seh ich ihn vor mir.

Seh ich ihn,
wie er sich
bebend
mir nähert,
der Luigi und,

von seinem Fahrrad
herab mich betanzt,
wie er mich mit
Blicken vorher schon,
beim Volksfest

auf dem Dorfplatz
betanzt hat, mit exakt
zwei blitzeblaublauen Augen
und dann sich so platziert,
dass ich über seine

zugespitzten Schuhe
wie Augen, ja Augen
fallen sollte, wie er
über meine eher
vorgetragene

Tanzerei, jajasoso !
Da kräuselt es mich
im Magen. Nein, nicht
weiter drunter, – wirklich
gerade nur Magen und mein

Luigitanztvergeblich, spiegeltmeinenSpott in seinereigenenPupille. Luigisagich,tutmirleidundoh !

COOP.WALK in Hamburg Eimsbüttel,11.05.2017


Er guckt, als sähe er nichts. Und genau das trifft auf fast alle Männer zu, – die Bauarbeiter im Straßenschacht, wie auch die beanzugten Vorbeieiler und die Ausgespuckten, die Wegelagerer in Straßencafe´s und auf Bänken und Plätzen: Ebenso die Fahrrad- und Kinderwagenschieber am Abend und die Freundebeschicker, Teil einer unsichtbaren Riesengemeinde, – sie alle gucken , als sähen sie nichts.
Einem schreie ich schräg über die Straße zu: „ Fragen kost nix. „
„ Willichabernich, „ kommt es zurück und weg ist er.
Der zweite Willichabernich sitzt in Orange auf einer Parkbank und als er doch eher aus Versehen den Mund öffnet, sieht man überwiegend Lückenhaftes.
Aber dann ruft er mir zu, ich soll die Objekte doch an die Ampel stellen und weggehen, – mich überraschen lassen davon, wie die Leute damit umgehen. Die Idee ist gut, aber ich bin ja ein ähnlicher Selbstdenker und habe den Hund dabei. Der muss schließlich immer neun Schritte vor und zwölf zurück. Immer das dritte Objekt vor das erste stellen. Wir beschicken an diesem Tag von der Vereinsstraße aus ein kleines Stück Belleallinace bis zur Fruchtallee, dann die Weidenallee, die Margaretenstraße zurück zur Vereinsstraße, ein winziges Karree also. Dazu brauchen wir zehn Stunden.
Wie lange ich irgendwo stehe zum Fragen und Gefragtwerden halte ich nicht fest. Wie es kommt, so kommt es.
Zuerst ist meine Tochter dabei,- ich könnte die Arbeiter an der Baustelle ansprechen, aber ein Passant mit Begleiterin ist schneller, sagt was über die Zeit, die alles verändert, besonders die jetzige. Das sind keine Plattitüden, er hat sich Mühe geben müssen, etwas Eigenes zu sagen, vielleicht, weil ich zuviel rede. Das Erklären empfinde ich aber immer noch nicht als Routine.
Er geht zur See und ist mal wieder da und morgen wieder weg. Ich staune deutlich, kann mir ein Wegsein gegenüber einem dauernd anwesenden Meer nicht richtig vorstellen.
Eine in vollem Unglück watende junge Frau schiebt Fahrrad und übersieht mich gezielt. Sie würde mich wohl bespucken, wenn ich sie anspräche. Das muss nicht sein. Vorbei.

Sonne heute, sogar viel davon, bis 25 Grad heißt es. Es ist Donnerstag der 11. 05.2017 . Nebenbei nehme ich die Kastanienkerzen wahr und bemühe mich, sie hauptsächlich zu sehen. Die Blütezeit ist so schnell vorbei.
Heutige Menschen sind ansprechbar, nur die Alten weniger. Die alten Damen, die da im Straßencafe voll geschminkte Augen werfen,- ich sehe sie , aber sie wollen anderweitig gesehen werden, nicht von mir. Es antwortet Ihnen niemand und meine Frage wollen sie nicht mit einer freundlichen Gegenfrage beantworten. Was sie nicht kennen, das fressen sie nicht und wollen auch nichts wissen. „ Das sieht man, „ rufe ich zurück und wundere mich, wie fröhlich es klingt. Im nächsten Café eine, die „ zum Glück „ krank geschrieben ist. Erzieherein ist sie und übt den Ausstieg. Ihr Gesicht lacht aus fröhlichem Outfit heraus. Mit Pumphose. Ihr Bekannter daneben , Handwerker hält sich raus, zeigt aber ein lachlustiges Gesicht. Standortbestimmungen. Stillhalten, animieren,
aber ich bewege mich letztlich doch weiter:
Die Objekte diesmal: Drei halbhohen Zinkbehälter gepflanzt je vier Pappteller, diesmal rund mit den Aufschriften
„ wählen- geht- nicht, – geht- nicht – wählen, nicht- wählen- geht. Alles in Schwarz auf Gold
und auf der Rückseite in Schwarz auf Grün: help- people- imagine, people- imagine- help, imagine, help, people. Das sind die Beatles Worte von 2012. –
Von den Stühlen vorm Restaurant äugt es skeptisch zu mir her. Ein dunkelhäutiger Mensch, der sich von mir angemacht fühlt. Bevor ich was erklären kann, ist er im Restaurant verschwunden, gehört offensichtlich zum Stuff.
Eine kurze Siesta im spanischen Restaurant. Ich esse das, was die Friseurin von nebenan bestellt. Ein Stück Spargelquiche mit Salat, einen Latte. Wenn ich mich fragen würde, wäre ich müde, unausgeschlafen von der Nacht im Transporter. Die seitliche Tür ging nicht auf und die hinten auch nicht, als ich drin bin. Panik verboten, kein Gedanke an den Hund. Ein Stück Stoff war zwischen die Türschließe geraten und nicht zu sehen, wie was funktioniert, habe die Taschenlampe irgendwo. Ich merke mir einfach nicht, welche Türseite zuerst geschlossen werden muss. Gehirnverlustängste lasse ich nicht zu. Jede Bewegung, die Taschenlampe zu suchen und zu finden würde zuerst Minuten, dann Stunden dauern, zuerst im Kopf, dann in den voraussehbar mühsamen Platzieren der Gelenke wie Gedanken: Alles eingefroren, Schlaf erst mitten in der Nacht.
Aber jetzt ist jetzt, der Tag darauf. Vorm nächsten Laden ein mittelalter Mann, hinterm PC und in Arbeit, nicht ansprechbar. Einer mit Aura und Outfit, einer, der auf sich hält. Den will ich sprechen und als Charly Kontakt aufnimmt, hänge ich mich dran. Sein stacheliger Haarschnitt passt gut zu seinen blau-blauen Augen, seine Gesten, gespannt und glatt, zu smartem Sellbstbegriff und Dasein. Es endet damit, dass wir herausfinden, wir sind städtische Nachbarn und er ist ebenso künstlerisch wie ich, Designer nämlich und ebenso in der Lage, seine Produkte als fahrender Geselle anzubieten. Bessereweltgedanken an alle Mangelleider, er scheint zu meinen, was er sagt, hat aber auch Selbstbestimmungslust.
Seine Psychologin sagt, er ist ein Gefährt mit sausenden Rädern, aber ohne Schassi.
Das sagt sie nicht, das lässt sie ihn herausfinden. Er zieht an seinem Herkommen vorbei und zieht ab, zukunftsbedacht, beschreibt eine Skulptur aus Spielzeugen, die mit seinem Herkommen zu tun hat, seinen Eltern. DiesenSpielzeugturm hat er grau angesprüht und verkauft. Das kann er. Mir kommt der Heimatbegriff wieder, mein eigenes Spielen mit den Kindheitsfluchten aus Erinnerung, die zu Heimatgefühl wird. Und dann mein gelegentlich intensives Gefühl vom Überrantwerden muslimischer Männer, wie sie mehr als die Straße einnehmen und den Abscheu, die Frauenverachtung verkörpern, eine Wahrnehmung, die schneller ist , als mein Korrigieren. Als ich gehe, weiß ich, der mit den blau-blauen Augen wird sich nicht melden, nicht allein, weil er sich selber nicht glaubt, sondern weil er weiß, dass ich sein Schwanken gesehen habe, wie er mein sorgloses Alterüberspielen. Ich bedaure.
Gegenüber, die Griechin vom Luxus Second Hand, die nur verkauft und sich ansonsten um die Lage insgesamt kümmert. Die kenne ich schon und mag sie. Da fängt es endlich an, dass ich Karten mit Wünschen für die Welt beschreiben lasse. Sie könnet ja auch was anderes draufsetzen, aber was ?
Zuviel Freiheit ist genau so mühsam wie zuviel Bindung, sagt sie und malt Herzchen.
Der Hausmeister hat auch eine Pappe beschrieben. Hoffnung, ja Hoffnung, die brauchen wir, sagt er.
Und sie schon lange. Auch von der Liebe hält sie viel. Das tun alle Frauen, sage ich. Seltsam, dass dann nicht mehr davon wird, insgesamt. –
Jetzt kommen die Hundeausführererinnen. Wirklich, es sind fast nur Frauen. Wieder eine Aussteigerin, eine, die trotzdem einen guten Job hat: Berufsschullehrerin. Und trotz seiner Pubertät einen guten Jungen, der eben leider erst vierzehn ist und sie ? Alleinerziehend. Sie will auch kürzer treten, um mehr vom Leben zu merken. Ihre Lebensgeschichte ist erstaunlich normal .
„ Immerhin, „ sagt sie „ haben wir das Wetter.“ Ich gucke erstaunt.
„ Dieses herrliche Wetter meine ich. „
Ja, morgen soll es schon wieder, – „
„ Was wir heute nicht bedenken müssen. „
Ich komme trotzdem kaum zum Genießen, ärgere mich, dass der Wind meine Sprüche durcheinander bringt.

Die nächste Hundeführerin ängstigt sich vor Charly,- oder war es erst die übernächste ?
Ich ziehe das Tempo an und trödele, wie es gerade passt. Hundeführen heißt Launebiegen, eigene Laune vor allem.
Meiner ist zäh, sagt eine, die andere meint, ihrer ist bissig, Vorsicht, die die Dritte verbittet sich jedes Anschnüffeln. Hundecharakteraufzählungen gehen vorbei, sage ich mir. Anfeindungen auch. Eine ganz Junge mit Kinderwagen die vorm Kindergarten wartet, wo es gebrannt haben soll, genau die schreit mich schließlich an, dass ich meinen Charly nicht an ihre Doggendiva lassen soll und sie meine Rente nicht bezahlen will und…. „ Das verstehe ich genau, „ sage ich. „ wenn man keine Arbeit hat. … „
Ich will keine Konfrontation und siehe da, die Luft geht raus mit zischendem Geräusch.
Und dann wieder Menschen ohne Hund. Der eine der von hinten genau hinsieht und von vorne nicht fragen will. Auf keinen Fall. Noch ein Restaurant,- Szene extra. Da sitzen Männer wie die Hähnchen auf der Stange, äugen von weitem, sehen weg, als ich näher komme. Wenn ich jünger wäre, hätte ich schon einen dummen Spruch weg oder zwei.. Oder superschlaue Wörtchen .
Ich provoziere wieder: „ Fragen, was das soll geht bestimmt nicht. „ Ich fixieren einen Mann um die sechzig, u mgekerht war erneugierig, als ich es sozusagen nicht gesehen habe. Jetzt will er nur noch lässig dasitzen und ich nicht nachgeben. „ Also Sie, Sie haben ja viel Zeit… „
„ Klar , Sie ja auch. „
Da sind wir im Gespräch. Ich erkläre zum wievieltausendsten Mal, worum es geht. „ Ja, Sie machen es richtig, die Zeit auf der Zunge schmecken. , tue ich auch, und der da erst. – Er zeigt auf den Blonden, der sich auf zwei Stühlen ausgebreitet hat.
„ Er ist Chirurg und hat das Messer geworfen. „
Der muskulöse blonde Mann nickt,strahlt. „Nie wieder das Messer, nie wieder Pharma- Kram aus meiner Hand. „
Da drängt sich ein Mann auf dem Fahrrad durch, schmeißt Worte und Handschuhe durch die Luft.
„ Unser Boxtrainer. „ Ein Durcheinander von Worten. Aufbruch und Ankommen.
„ Ich habe übrigens auch Schluss gemacht mit dem normalen Leben. „ Mein Gesprächspartner lacht mich offen an.
„ Dann leben Sie alle von Aktien ? ! „
„ Jedenfalls leben wir nicht mehr nach bürgerlicher Vorschrift. „
Ich staune. Ein paar Schritte weiter eine junge Dame mit expansiven Tattoos. Auch sie ist Aussteigerin, unterrichtet Yoga, wird nach jeweiliger Möglichkeit und Einschätzung der Schüler bezahlt. Sie erzählt eine Menge vom australischen Leben und Zurückkommen nach Intuition und über ihren inneren Auftrag, auch Flüchtingen und Entgleisten zu helfen.
Erst seit gestern ist sie da und ich denke darüber nach, wie ich ihr hefen kann. Sie bekommt meine Adresse.
Dann der Rückweg über die Margaretenstraße. Meinen Hund mache ich hier endlich los.
Ein Mann Mitte fünfzig mit Ruksack und unglaublich säbelhaft durchgedrückten Beinen sieht mir von Weitem zu. Als ich ihn anspreche, kommt er näher.
„ Eigentlich muss man Angst vor Ihnene haben. „
„ Man muss nicht. „
„ Sie sehen doch aus wie ein Schäfer. „
Nebenbei will er auch, dass ich mich für eine Seite der Karten entscheide.
„ Der Wind, sagt er, „ der Wind bringt doch alles durcheinander, man kann nichts wirklich lesen. Das ist dumm, was ich zugeben muss.„
Er beredet mich noch eine Weile, bis er erklärt, dass er selbst Schäfergehilfe ist und beim Impfen und Scheren zur Hand geht. Dann expansive Familiengeschichten über seine Mutter, die hat Krebs.
Er beobachtet genau, wie ich mit dem Etickett Vilvakrebs umgehe. „ Zum dritten Mal aufgetaucht und mein Stiefvater kann nicht damit fertig werden. Ich übrigens auch nur schwer. „ Er schnaubt ein „ Nadanntschüss“ hin, während er noch mit Charly spielt. Endlich bin ich für mich. Hier gibt es nur ganz im Anfang eine Apotheke.
Es ist warm, fast drückend. Vor einer Haustür sitzt eine vietnamesisch wirkende Person, die mich freundlich ansieht. „ Was Sie machen finde ich gut, „ sagt sie.
Wir reden eine Weile und sie gibt mir mit, das sie Geistheilerin ist und ebenfalls etwas für Menschen tut. „ Ja, die Zahl drei, die wird derzeit auch von anderen gefeiert. „
Als sie mir ihre Geistheiler- Vokabeln näher zu bringen versucht, höre ich höflich zu. Auf der Nachbartreppe zwei junge Damen. Eine davon ist Musiklehrerin mit straffen Zügen. Ich versuche, Ähnlichkeiten zu finden, kann aber kaum mehr verstehen, dass ich auch einmal eine innerhalb des Systems gewesen bin, war eine, die Leistungsgeige unterrichtet hat, bis ihr klar wurde, dass es Persönlichkeitsinstrument war, das ich gefunden und zu verstrken versucht hat, war außerhalb meiner selbst, ohne es zu merken. –
Die Wünsche für die Welt werden mehr. Charly darf jetzt alleine folgen, es gibt hier kaum Autoverkehr , wir haben bereits mehr als sechs Stunden „ Walking act „ hinter uns.
Treuer Charly, er ist so alt wie ich, zeigt aber kaum Ermüdung.
Am Ende der Margaretenstraße ein Kind, etwa drei Jahre, das unter Büschen spielt. Den Vater entdecke ich auch, sehe genau hin, merke einen Teil Abwesenheit und frage ihn unverblümt nach seiner Situation.
„ Von allem etwas, „ höre ich heraus. Er ist Architekt, hat seinen Kompromiss mit der Behörde gemacht. „ Ein Sprung über den Schatten, „ sagt er und sieht weiter blass drein. „ Für die Familie „ tröpfelt es hinterher. „ Ich möchte trösten. Meine Tochter als Architektin in einem Großrumbüro hat es auch nicht besser gehabt, sondern so schlecht, dass sie ausgebrochen ist. Mit Recht.
Seine Frau kommt mit dem Fahrrad zurück und ignoriert die unbekannte alte Frau erst einmal deutlich. Ich stelle mich knapp vor und bin weiter, gebe dem jungen Mann aber noch meinen Kontakt. Weiter, weiter.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, jemals anzukommen. Andererseits ist es gerade die Langsamkeit, dieses unanständige Schneckentempo, das ein Sehen und Zurücksehen möglich macht.

Die Vereinsstraße scheint unendlich. Vor einem lieben kleinen Lokal eine Gruppe Frühlingsgenießer. Die spreche ich an ohne wirkliche Überzeugung, finde mich mit einem Schlag selbst überholt und anstrengend, wenn auch gleichzeitig richtig.
Ich erzähle von denen, die sich als Aussteiger präsentieren, vorne, auf der Geschäftsstraße, frage die, die am interessiertesten hinhört, nicht den älteren Herrn, nicht die ältere Frau, merke erst viel später, dass da eine Familie den Frühling feiert. Die eine ist Osteopathin, die andere erst einmal gar nichts, sagt sie, hat den Fuß gebrochen. Als ich endlich richtig hinhöre, ist Aufbruchszeit. Sollte ich nicht bemerkt haben, dass ich störe ? Nein, sehe ich, ich habe animiert, irgendein famiiärer toter Punkt scheint überwunden. Meine alles überlagernde Phantasie auch. Weiter auf der Vereinsstraße und dann in Richtung U- bahn, zu meinem Auto. Ich muss das Hundefutter holen. Vor der Fußballkneipe auf der Bellealliance drei angeheiterte Männer. Einer zieht mich direkt ins Gespräch, provoziertundfragtundprovoziertundfragt so lange, bis ich das Spiel umdrehe. Er verlegt Pipelines und findet das gut. Nix umzudrehen sagt er schließlich und will wissen, was mein Mann zu dem sagt, ws ich mache. Da sermonele ich wieder, aber nicht zuviel, merke allmählich meine Unlust, weiter zu gehen. Eine Frau bittet um Hundekacktüte, die ich auch finde. Hier gibt es keine umsonst von der Stadt , aber gekaufte von Budnikowski, aber der hat bereits zu.

Irgendwie schaffen wir es zurück, der Hund wird gefüttert und wir bringen uns zu meiner Tochter sogar ohne Ampel über die Fruchtallee, bei halbwegs klarem Kopf.
Am nächsten Tag: In den Seilen hängen bei drückender Luft. Nichts tun. Das haben wir verdient.
Am übernächsten: Dokumentationsversuch bei schleifendem Gang und durchhängenden Knien.
Ein Hamburger Luxussiedler beschwert sich über meinen schlecht geparkten Bus und ich gebe Einsicht vor. „ Oma übt Diplomatie. „ Mein Enkel pubertiert, – oder ich,- anders herum, werde vielleicht noch erwachsen.

Luigi Laiolo, gestorben am 17. 10.09 in Bistagno,- wann geboren ?


Ich stehe an deinem Grab,
singe deinen Namen,
werde mich vielleicht
nach dir benennen
und wahrscheunlich
vergessen,
mich nach dir
zu erkundigen.

Es soll mir doch
genügen, dass du
gelebt hast.
Mit einem so
schönen Namen
Luft geholt,
gehasst,
geliebt

und wieder
ausgeatmet.
Einzelheiten
behalte doch für dich.
Deine Kochrezepte oder
andere Prefärenzen sind
mir, ehrlich gesagt, nicht so
wichtig wie dein Name: Lugi Laiolo !

IchstehezuerstvormPlakat,dannvordeinemGrab,atme ein,atmeausundbinweg.

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